Die Signora im Parkett ist entsetzt. Aus Italien ist sie zu den Salzburger Osterfestspielen angereist, hat die extrateure Garderobe angelegt, und nun das: kein Amore! Im Tristan! Ob sich das Liebespaar nicht wenigstens ein einziges Mal hätte küssen können? Empört ringt sie die Hände und stöckelt davon.

Kein Kuß, keine Liebe, keine Action - so kann es gehen, wenn Klaus Michael Grüber Tristan und Isolde inszeniert. In Wagners liebes- und todessüchtigem Drama rast immerzu die Musik und nicht die Szene. Alles ist innere Handlung, Gefühlskinetik, seelische Grenzüberschreitung. Und da will ein Minimalist des Theaters wie Grüber natürlich nicht stören. Nur ein paar Standbilder der Leidenschaft hat er deshalb mit seinem Bühnenbildner Eduardo Arroyo entworfen.

Im ersten Akt sehen wir Tristan und Isolde sinnierend an der Reling eines Schiffs aus silbern schimmerndem Rohrgestänge, im zweiten stehen sie in wechselndem Abstand unter zwei verschlungenen Bäumen, im dritten taumeln sie vor einer Backsteinmauer. Ein paar magische Lichtwechsel. Das ist alles. Als habe der Regisseur seinen Sängern immer nur zugeflüstert: Stehen Sie ruhig, und konzentrieren Sie sich auf Ihren Gesang. Heiner Müller und Erich Wonder haben in ihrem Bayreuther Tristan aus solcher Ästhetik des totalen Stillstands eine atemberaubende Spannung entwickelt. Bei Grüber schlägt sie über ganze Szenen hinweg um in öde Rampensingerei.

Grüber, die Sphinx. Vielleicht hat er auf geheimnisvolle Weise die Schwelle zum unsichtbaren Theater überschritten, das Wagner im Zusammenhang mit dem Tristan in einem Brief herbeisehnte. Vielleicht ist diese Nichtinszenierung aber auch nur Ausdruck eines erloschenen Regiewillens. Einmal, zu Beginn des dritten Akts, ist alles dunkel auf der Bühne. Sogar die Lichter im Orchestergraben sind verglimmt. Nachtschwarz das Theater, hell nur die Sinne. Und das Englischhorn spielt die alte Weise. Es ist der wahrhaftigste szenische Moment des Abends.

Man könnte alle drei Akte dieses Tristan mit geschlossenen Augen verfolgen und würde doch nichts Entscheidendes verpassen. Weil alle Suggestivkraft dieser Aufführung von Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern ausgeht. Weil die Sänger nur als Stimmen Charakterprofil gewinnen: Deborah Polaski offenbart als Isolde in ihrem energiegeladenen Sopran ein einnehmendes visionäres Leuchten, singt traumwandlerisch sicher und behauptet sich bewundernswert gegen das mitunter arg massiv aufbrausende Orchester. Ben Heppner hingegen versinkt eher mit lyrischer Verzückung als mit heldischem Glanz im Nachtreich der Liebe. An expressiver Durchschlagskraft mangelt es ihm noch, vor allem im mörderischen Monolog des dritten Akts. Gleichwohl dürfte ihm die Zukunft als möglicher Tristan gehören. Einem Siegfried Jerusalem ist er zur Zeit allemal vorzuziehen.

Claudio Abbado hat sich mit 65 Jahren zum ersten Mal an den Tristan gewagt. Mit Respekt (und vielleicht auch der Skepsis des Italieners) machte er lange Zeit grundsätzlich einen Bogen um die Monsterwerke Wagners und hat bisher lediglich einen Lohengrin dirigiert. Klar, daß ein so spätes, wohlüberlegtes Tristan-Debüt im anbrechenden Herbst einer Starkarriere künstlerisch viel weiter ausgreift als das hitzig rauschhafte Sich-Ausrasen in der Ekstase, das man von jungen Dirigenten kennt, die diese ganz spezielle Wagnerdroge zum ersten Mal probieren.

In Abbados Deutung ist all seine künstlerische Reife eingeflossen, seine dirigentische Souveränität, seine immense Opernmetierkenntnis. Intensiv, abgeklärt und tiefgründig klingt sein Tristan, gleichwohl bohrend und aufrüttelnd. Ausgehend von den Mittelstimmen der Streicher entwickelt er einen faszinierend satten, dunkel schimmmernden Wagnerklang, der mitunter bedrohlich grollt und insbesondere im dritten Akt immer wieder expressiv aufwallt. Kraftvoll und markant in den Phrasierungen, organisch strukturiert und in großen Bögen atmend, geht er die Partitur an, interessiert sich mehr für die widerstreitenden Kräfte im Triebinnenleben der Musik als für das die Sinne benebelnde Tristan-Klanggift. Und die Berliner Philharmoniker folgen ihrem in drei Jahren scheidenden Chef mit nobelster Klangkultur. Wunderbar, mit welcher Übersicht Abbado die Tempi disponiert, wie er beispielsweise das Frage-Antwort-Spiel von Tristan und Isolde im zweiten Akt drängend vorantreibt, um dann bei "Oh sink hernieder, Nacht der Liebe" agogisch gebremst den Liebessturm um so intensiver auszukosten. Doch Amore! Die Signora hätte einfach nur zuhören müssen.