Eine tränenfeuchte Spur von rosaroter Zuckerwatte zieht sich durch die Kapitalen Europas und führt uns endlich ins Berliner Hotel Four Seasons. Hier residiert an diesem Wochenende, in einer plüschigen Suite, die den Ullstein-Verlag eine Stange Geld gekostet haben wird, Monica Lewinsky. Gemeinsam mit Andrew Morton, dem Autor ihrer Wahren Geschichte, ist sie auf Buchpräsentationsreise. Signierstunden bei Harrods, in der Hamburger Springer-Passage, im KaDeWe: 500 Stück Unterschriften schafft Frau Lewinsky in einer Stunde, wenn sie gut aufgelegt ist; wenn nicht, dann weint sie (London, Hamburg).

Zwar ist es offenkundig sinnlos, bei der Fünfundzwanzigjährigen nach intellektuellem Tiefgang, nach höheren Einsichten oder irgendeiner Art von erfahrungsgesättigter Weisheit zu forschen. Man tut es dennoch. Wer von so vielen viereckigen Bodyguards und schwarzgekleideten, handyklingelnden Verlagsdamen bewacht wird, müßte einfach etwas zu sagen haben. Das meint auch der Kollege von Gala.

Monica-Interviews sind letzthin im Kurs ein wenig gefallen: Während RTL noch mit 300 000 Mark für sechs Fragen bluten mußte (oder waren es 600 000 Mark für drei Fragen?), bekommt man heutzutage 25 Minuten höchstpersönlichen Zweiergruppen-Gesprächs vom Verlag geradezu nachgeworfen. Und mit Andrew Morton kann ohnehin jeder reden. Das ist fast ein wenig ungerecht. Denn während Lewinsky wirklich nichts zu sagen hat, außer daß sie immer noch zu vertrauensselig sei, sich einen Ehemann und Kinder wünsche und dem amerikanischen Präsidenten nach wie vor Sympathie (wenn auch keine Liebe mehr) entgegenbringe, ist Morton ein ganz anderes Kaliber.

Sobald Monica ins Stottern gerät, ergreift der Biograph das Wort für die "am meisten gedemütigte Frau auf der Welt". Die stupst ihn manchmal neckisch in die Seite. Ihm gehe es darum, sagt Morton sanft und einfühlsam, klarzumachen, daß Monica ein Mensch sei. Ein Mensch zumal, dem viel Unrecht widerfahren sei. Über den Gott und die Welt geredet und gemutmaßt habe und der nun endlich seine (beziehungsweise Mortons) eigene Stimme erhebe. Um die Wahrheit zu sagen.

Es ist geradezu zwingend, daß sich die Wahrheit auch gut verkauft, denn Frau Lewinsky hatte hohe Anwaltskosten; und wovon soll sie leben, wenn der ganze Skandalrummel einmal vorbei ist? Morton hat immerhin einige Ideen, wie man diesen wenig erstrebenswerten Zustand hinauszögern könnte: Monica, sagt er, habe noch gar nicht realisiert, wie stark sie auf Menschen wirke und was sie bewegen könne, wenn sie sich dazu entschlösse, es zu bewegen. Er denkt an Wohltätigkeitsarbeit mit Kindern, denn "wenn Monica Kinder sieht, leuchten ihre Augen auf".

Der Mann, der auch eine wahre Geschichte über Prinzessin Diana schrieb, weiß, wie eine neuzeitliche Heilige auszusehen hat: Kinder müssen ihr lieber sein als Diät-Cola. Monica wird das hinkriegen, genau wie es ihr gelang, aus relativ wenig die Voraussetzungen für eine ansehnliche celebrity-Karriere zu machen. Das amerikanische Volk geht seinen Weg, heißt es am Ende von Mortons Buch: So auch Monica Lewinsky. Jetzt aber Schluß bitte! Das nächste Fernsehteam, das nächste Hotel, die nächste Menschenmenge warten.

Zum gleichen Thema erscheint im April ein Buch von ZEIT-Reporter Michael Schwelien: Die voyeuristische Gesellschaft. Oder Bill Clinton und die Selbstzerstörung der Amerikanischen Demokratie. Rowohlt Verlag, 224 S., 14,90 Mark.