Obwohl sie jetzt von morgens bis abends repetiert wird, hat die ZEIT widerstanden und die Formel nicht gebraucht, außer einmal in einem Zitat, und sie tat gut daran: humanitäre Katastrophe. Wo die Sprache im Bezeichnungsnotstand ist, läßt man besser fünf gerade sein, aber humanitäre Katastrophe, das geht zu weit. Das attributive Adjektiv charakterisiert das Substantiv, bei dem es steht. Halb und halb haben wir uns daran gewöhnt, daß es auch in einer schrägeren Beziehung zu seinem Substantiv stehen kann: medizinische Buchhandlung, Bürgerliches Gesetzbuch, schwules Hotel; aber immer noch sorgt solch eigentlich illegaler Gebrauch für einen Anflug von Heiterkeit, wie bei dem dreiköpfigen Familienvater. Daß nun aber das Adjektiv dem Substantiv rundheraus widerspricht, daß es verneint, was das Substantiv zu betonen sich müht: das schafft erst die vor ein, zwei Jahren aufgekommene humanitäre Katastrophe. Humanitär heißt "menschenfreundlich", "wohltätig"; eine humanitäre Katastrophe ist wörtlich ein "wohltätiges Verhängnis". Ein Massenunglück soll nicht auch noch durch eine unbeholfene und gedankenlose Bezeichnung ins Lächerliche gezogen werden.