Himmlische Stille auf dem Hof. Nur die Hühner scharren im Gras. Unter dem Malvenbusch träumt ein Hund. Knarrend öffnet sich die hölzerne Hoftür; zwei Kinder schieben sich hindurch. Dann kommen noch ein paar und immer mehr. Zum Schluß sind es knapp über 20. Heute ist Donnerstag, Kindernachmittag auf Pfarrer Frieses Hof. Punkt fünf zieht Johanna Friese den Glockenstrang. "Das mache ich für die Zigeunerkinder, die haben keine Uhr." Kurz darauf sind sie da. Mit bunten Bändern im Haar, in Pullovern und viel zu großen Strumpfhosen, die über den Schnürschuhen Falten schlagen. "Sie schwitzen sich halb tot", sagt Frau Friese, "aber sie wollen zeigen, was sie haben."

Vor sechs Jahren sind die Frieses von Obergräfenhain im Erzgebirge hierher nach Siebenbürgen, ins kleine Dorf Rauthal/Roandola, übergesiedelt. Damals wäre es undenkbar gewesen, daß die Kinder der Siebenbürger Sachsen zusammen mit rumänischen Mädchen und Jungen spielen. Von Zigeunerkindern ganz zu schweigen. Erst seit der neue Pfarrer, der "Herr Vater", wie sie ihn nennen, hartnäckig von der Gleichheit der Menschen predigt und auch seine Frau, die "Frau Mutter", zu allen Einwohnern des Dorfes in gleicher Weise freundlich ist, lenken die Sachsen langsam ein.

Am Abend sitzen wir bei einem Glas Wein. Johanna Friese (43) schafft gerade die zweijährige Michi, das jüngste ihrer fünf Kinder, ins Bett. Vorher hat sie das Abendbrot für ihren Mann hergerichtet, der, wie so oft, spät kommen wird. Mitten in die Arbeit hinein bittet eine ältere Nachbarin "um ein Sekündchen Zeit" und klagt der "Frau Mutter" ihre Probleme. Gleich darauf kommt ein alter rumänischer Bauer, um sich Schalbretter auszuleihen. Zwei Zigeuner klopfen ans Tor, um einen Eimer duftender Brombeeren feilzubieten.

Die Berge steigen gleich hinterm Dorf in die Höhe. Im Dunst des Abends lehnen sie sich wie Schatten an die Sterne. Die Frau sagt: "Ist es nicht schön hier bei uns."

Daß sie jetzt hier lebt, sei irgendwie folgerichtig. In der DDR hatte sie nicht studieren können, weil ihr Vater Pfarrer war. Noch dazu in der Leipziger Nikolaikirche, in der sich über lange Jahre der Widerstand sammelte. "Ich war keine typische Pfarrerstochter, immer hatte ich Sehnsucht hinaus in die Welt." Aber die war vermauert, und so richtete sie den Blick auf das "Exotische" um sich herum: die Natur, hilfsbedürftige Menschen, das Musische.

Einen Pfarrer zu heiraten wäre ihr als letztes in den Sinn gekommen. Als es dann doch geschah, war klar: "Ein Pfarrhaus ist ein Glashaus. Abschotten geht nicht, schon gar nicht in der DDR." Es war ein glücklicher Zufall, daß es diese Harmonie zwischen ihnen gab: Für sie beide war der hilfsbedürftige Mensch wichtigster Lebens- und Handlungsgrund.

Etwas wie Kitt, das Wurst sein sollte