Es war - scheinbar - eine ganz normale Kuratoriumssitzung mit dem üblichen Gerangel um Budgets und Programme, aber dann hatte Gérard Mortier plötzlich die Nase voll: In zwei Jahren gehe er, so kündigte der Intendant der Salzburger Festspiele an. An einer Vertragsverlängerung über 2001 hinaus sei er nicht mehr interessiert. Verdutzte Gesichter. Ein taktisches Manöver? Drohte Mortier wie Peymann am Burgtheater mit dem Abgang, weil er bleiben will?

Nein. Mortier geht tatsächlich. Er ist der künstlerischen Kompromisse überdrüssig, die man ihm in Salzburg abverlangte. Er hat die ganze Macht im Festspieldirektorium gefordert. Sie wurde ihm nicht gewährt. Jetzt zieht er die Konsequenz. Im Jahr 2001 endet die zehnjährige Ära Mortier in Salzburg.

Wie wird er seinen Gegnern fehlen! Als Gegenfigur für ihren konservativen Kulturbegriff, als ausländischer Buhmann, als Antichrist im heiligen Karajan-Bezirk. Seit Mortiers Amtsantritt waren die Positionen im ewigen Salzburger Kulturkampf um Kunst, Geld und Macht ebenbürtig besetzt. Auf der einen Seite das Luxus-Stammpublikum, das sich den kulinarischen SalzburgAufenthalt nicht durch zeitgenössische Musik und Regie-Untaten vergällen lassen will; dann die Wiener Philharmoniker, die mit jedem Takt Mozart, den ein anderes Orchester außer ihnen spielt, das Kulturerbe der Nation gefährdet sehen; die Kommerz-Lobby der Salzburger Fremdenverkehrsbranche sowie die Schallplattenindustrie, die nur ihre Stars vermarkten will. Auf der anderen Seite der Kämpfer Mortier mit seinem kosmopolitischen, zukunftsgerichteten Kunstbegriff und seiner unbequemen Programmpolitik. Daß er an seinem Konzept festgehalten hat, die wegweisenden Opern des 20. Jahrhunderts von Janácek bis Messiaen in Salzburg durchzusetzen, kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden - auch wenn er mit manchen Projekten gescheitert ist, wie risikofreudige Intendanten anderswo auch.

Der Streit um die Inszenierungen wurde da nicht selten selbst zur kunstvollen Inszenierung, wenn kapriziöse Maestri grollend davonliefen und die Wiener Presse den Bundeskanzler um Hilfe anrief. Staatsaffäre Kunst. Das gibt es nur in Österreich, wo der Kulturkampf stets als Politikersatz herhalten muß und wo mit der Kunst immer dann Staat gemacht werden soll, wenn mit dem Staat keiner zu machen ist. Wer bleibt dann noch als Feindbild? Kein Peymann. Kein Mortier. Und ewig geigen die Wiener Philharmoniker.