Ist New York "ein Zoo", wie Hans Christoph Buch meint, oder hat Durs Grünbein recht, der von "freier Wildbahn" schreibt? Ist New York eine "terra incognita" (Gerhard Falkner), oder ist diese Stadt der Städte auch dem, der nie da war, "immer schon präsent" (Bernd Hüppauf)? Es stimmt wohl eines wie das andere. Fast zwanzig Sichtweisen auf New York finden sich versammelt in der Anthologie Signale aus der Bleecker Street, in Gedichten, Erzählungen, Tagebuch- und Romanauszügen von Autoren, die als Stipendiaten des Deutschen Literaturfonds einige Monate dort gelebt und geschrieben haben. Herausgeber Hüppauf meint, Ex-DDRler hätten mit New York ganz besondere Probleme, doch in den hier versammelten Texten zeigt sich das nicht. Der einzige, der regelrecht auf die "an Schäbigkeit kaum noch zu überbietende Stadt" schimpft, ist ein alter Westler. Hans Christoph Buch packt plumpeste Klischees aus ("Auf Falschparken steht die Todesstrafe") und gibt gleichzeitig den Kenner. Pseudokennerschaft ist eine Weise, New York zu beschreiben. Eine andere Weise ist der staunend aufgesperrte Mund - der wohlweislich stumm bleibt. "Schreie zählen nicht in New York", weiß Anne Duden.

Natürlich kommen "sämtliche Amerikamythen" (Grünbein) vor in diesem Band; es wimmelt von Müll, Bettlern, Feuerwehrsirenen. "Alles ist sehr amerikanisch" (Jochen Kelter). Durs Grünbein scheint wieder mal am meisten zu merken, denn er fällt nicht auf das Kennergetue der anderen herein, sondern hält sich ans Zauberwort "Distanz". Andere inspiriert der New-York-Trip nur zu Texten ohne Umlaute (Hans Joachim Schädlich) oder zu Amerikanismen à la "Wir werden eine gute Zeit miteinander haben" (Josef Haslinger). Alfred Gulden hält zwar das Unerwartete fest, aber nur, um ihm gleich wieder Kalenderblattweisheiten abzuringen. Überhaupt sind die meisten Texte literarisch eher mißlungen (bemerkenswerte Ausnahme: ein Erzählfragment von Gerd Loschütz), was aber mirakulöserweise wenig macht, denn die blassen Einzeltexte ergeben zusammengenommen doch ein erstaunlich farbiges Bild von New York. "Auch Amerika braucht mein Gedicht nicht", formuliert Ludwig Fels. Freilich könnte sich für diese Erkenntnis der Ausflug in die Bleecker Street schon gelohnt haben.

Bernd Hüppauf/Rolf M. Bäumer (Hrsg.): Signale aus der Bleecker Street

Deutsche Texte aus New York; Wallstein Verlag, Göttingen 1999; 84 S., 32,- DM