Jim versteht die Welt nicht mehr. Die Regierung will sein Haus abreißen lassen. Dort, wo es vor fünf Jahren gebaut wurde, steht es zu gefährlich. Erdrutsche könnten es mitsamt dem sandigen Urwaldboden in die Tiefe reißen - so wie im vorletzten Jahr das ganze Orang-Asli-Dorf wenige Kilometer weiter. Damals rutschte auch ein Teil der kurvenreichen Hauptstraße zwischen dem Tiefland Westmalaysias und den Cameron Highlands mit ab.

Jim soll mit seiner Familie, mit drei Söhnen, deren Frauen und zwölf Kindern und seiner eigenen Frau, 800 Meter weiter in eine von der Regierung errichtete Siedlung ziehen. Die neuen Häuser sind moderner, sie haben Wellblechwände, stabile Dächer gegen den prasselnden Tropenregen. Aber sie sind nicht Jims Heimat. Die windschiefen alten Hütten dagegen sind aus Stroh, aus Palmwedeln und auf Stelzen gebaut, die in den Hang eingegraben sind. Noch haben sie jedem Wetter und jeder Naturkatastrophe standgehalten. Und wenn doch mal etwas kaputtging, hat Jim es repariert. Irgendwann. Nie in Eile.

Die neuen Häuser sind ein Stück mehr Seßhaftigkeit, und genau das mag der vielleicht 70jährige Jim nicht. Die meiste Zeit seines Lebens war der kleinwüchsige, kraushaarige Mann nicht seßhaft. Orang Asli, die Ureinwohner des Dschungels der malaysischen Halbinsel, waren nie seßhaft. Und Jim ist einer von ihnen.

"Ursprüngliche Menschen" bedeutet das übersetzt. "Es klingt wie Orang-Utan", sagen wenig sensible Touristen, die mit den Orang Asli in Kontakt kommen. Jim stört das nicht mal - auch nicht, wenn sie über ihren schlechten Scherz lachen. Er teilt sich mit den rothaarigen Menschenaffen denselben Lebensraum. Auch sie leben im Urwald. Und auch von ihnen gibt es nur noch wenige. "Doch keiner versucht, sie seßhaft zu machen", sagt Jim. Jetzt ist er es, der lächelt. Zaghaft.

Natürlich heißt Jim nicht Jim, aber dieser Name ist einfacher, ist griffiger für Fremde. Orang-Asli-Namen kann kein Fremder aussprechen oder gar behalten, und Jim kann ihn nicht buchstabieren. Irgendwann fingen Fremde an, Jim zu ihm zu sagen. Das war unkompliziert, und deshalb beließ er es dabei.

Die animistischen Orang Asli unterteilen sich in mehrere Gruppen. Jim gehört zur Gruppe der Semang, die sich wiederum in sechs Sprachgruppen aufspalten und von denen es nur noch etwa 2000 gibt. Die hellhäutigen Senoi dagegen zählen schwankenden Angaben zufolge noch rund 36 000 - verschwindend wenig angesichts der 19 Millionen Menschen in Malaysia.

Jim spricht kaum Malay, nur eine Handvoll englische Worte, die er von den Touristen aufgeschnappt hat, mit denen er in letzter Zeit immer öfter zu tun hat. Die neue Welt ist nicht mehr seine. Gleichwohl, er arrangiert sich mit ihr, hat plötzlich gemerkt, was Geld ist, was er dafür bekommt und - vor allem - was er geben muß, um es zu bekommen. Der sehnige Alte verkauft handgearbeitete Blasrohre für umgerechnet 15 Mark das Stück. Vor den Besuchern demonstriert er die Kunst, mit ihnen zu schießen.