Krieg" möchten sie es nicht nennen. Zu groß ist den Regierenden dieses Wort, zu sehr deutet es auf Unkontrollierbares, auf historische Zusammenhänge in diesem Jahrhundert hin. Ob Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder Rudolf Scharping - sie ziehen es vor, von "Luftschlägen" zu sprechen. Von "Militäraktionen" der Nato in Serbien. Es findet aber ein Krieg in Europa statt, an dem deutsche Soldaten beteiligt sind. Früh und schnell hat das Kabinett zugestimmt, mit wenigen Ausnahmen, den skeptisch-zögerlichen Einwänden von Oskar Lafontaine, Herta Däubler-Gmelin und Michael Naumann. Bedenkt die politischen Folgen! Auch das Parlament demonstrierte schon vor Wochen Einhelligkeit. Ernstfall-Prophylaxe, könnte man sagen. Der Fall ist da.

Die Einmütigkeit überrascht, sie ist auch erklärungsbedürftig. Es geht ja um mehr als eine Kleinigkeit. Sie habe drei Tage gebraucht, um zu begreifen, daß dies auch ihr Krieg sei, grübelt eine polnische Kollegin. Ihr Land ist erst jüngst feierlich in die Nato aufgenommen worden. "Mein Krieg" - man lauscht dem Wort nach. Ja, das macht das Neue aus, das man zu verstehen sucht.

Der mißglückte rot-grüne Neuanfang, die Hemdsärmeligkeit des Kanzlers, das Outfit des Außenministers, das alles gerät in den Schatten. Schröder, Fischer und Scharping, sie alle spüren das. Die kritische Stunde Europas wird vielleicht sogar zu ihrem ersten, bemerkenswerten "Erfolg". Der Kanzler, sein Außenminister und der Chef auf der Hardthöhe vermeiden zum Glück die pathetischen wie die patriotischen Worte. Das tun übrigens auch Bild und die anderen Medien, nur wenige auf dem Boulevard verwechseln das Amselfeld mit dem Fußballfeld. Und nur hie und da geht ARD-Journalisten mit ihrem Unsere-Jungs-Patriotismus der Gaul durch.

Es sind bittere, deprimierende Tage für den Kanzler, Ende der Inszenierung. Wo es nicht mehr um Stil geht, versagt die ästhetisierende Stilkritik. Aber es fällt auf, wie glatt Rot-Grün in der Allianz brav Vollzug meldet, obwohl die Intervention am Balkan - ohne UN-Mandat! - nun wahrlich ein gewaltiger Schritt ist. Partnerschaftsfähigkeit gegenüber Washington ersetzt dem Kanzler derzeit sämtliche zehn Gebote. Lange ist es noch nicht her, daß der Novize im Kanzleramt glaubte, Europa auf seine Art neu buchstabieren zu können. Hoppla, jetzt komm' ich! Die Berliner Republik mit dem "Selbstbewußtsein einer erwachsenen Nation", die (ohne Mahnmal) ihre Interessen nicht länger auf dem Altar der Vergangenheit opfert, so stellte er sich das vor.

Jetzt wird ein anderer Satz zum Leitmotiv. In der langen EU-Nacht von Berlin, sinniert Joschka Fischer, sei den Regierenden klargeworden, "daß Europa auseinanderfliegt, wenn wir unsere Führungsaufgaben nicht wahrnehmen". Die europäische Einigung stehe an erster Stelle unseres nationalen Interesses. Ein guter Satz, ein Programm ohne Beispiel.

Nein, die Sprache klingt nicht forsch. Man habe nicht länger wütend und ohnmächtig zugleich dem Morden im Kosovo zusehen können, argumentiert Rudolf Scharping. Zugleich aber wird erkennbar: Die "Neuen" möchten beweisen, daß sie zuverlässig mitmachen. Es ist kein Zufall, daß von einer wirklich eigenständigen Rolle der Schröder/Fischer-Regierung bei den Gesprächen in Rambouillet nichts publik wurde. Ausgerechnet Rot-Grün, die Friedensbewegten von gestern, hätten nun ihr Ja zum Waffeneinsatz gegeben, heißt es gelegentlich mit Häme. Aber Spott ist unangebracht. Es war nicht ehrenrührig, was sie taten. Die Pazifisten haben anderen viel abgenommen. Die einen fühlten sich moralisch entlastet, die anderen hatten jemanden, auf den sie mit dem Finger zeigen konnten. Sicher hat sich die Friedensbewegung gelegentlich ins Unpolitische verrannt und geglaubt, die Wahrheit gepachtet zu haben. Dennoch, bei der Vergangenheit dieses Landes kann man letztlich dem Engagement der vielen nur dankbar sein.

Woher aber kommt die Einmütigkeit in der politischen Klasse, die nicht einmal ähnlich offene Kontroversen über den Kriegseinsatz riskiert wie der Washingtoner Kongreß? Weshalb übernimmt den Part Henry Kissingers, der eindringlich warnt, weil die Aktion kein politisches Ziel habe, in der deutschen Politik jemand wie Gregor Gysi (PDS) oder Hans-Christian Ströbele (Die Grünen) oder allenfalls Peter Gauweiler (CSU)?