Es gab eine Zeit der Konfrontation zwischen der deutschen Sozialdemokratie und dem Katholizismus. Sie ist vorbei. Aber was ist an die Stelle getreten? Gleichgültigkeit? Wechselseitige Anerkennung? Oder gar ein fruchtbares, neues Miteinander?

Daß Katholiken sozialdemokratisch wählen, ist jedenfalls nicht mehr außergewöhnlich. Ebensowenig, daß Sozialdemokraten in kirchlichen Gremien aktiv sind, daß erklärte Katholiken als Sozialdemokraten öffentliche Funktionen wahrnehmen. Heute gehören Sozialdemokraten dem Zentralkomitee der Katholiken an, einer von ihnen als Vizepräsident. Umgekehrt ist mit der Person von Wolfgang Thierse - um nur ein Beispiel zu nennen - ein Katholik, der eine Zeitlang Mitglied des Berliner Diözesanrats war, Bundestagspräsident und Stellvertretender SPD-Vorsitzender.

Gewiß ist der Stimmenanteil der Sozialdemokraten unter den praktizierenden Katholiken noch immer geringer als unter den übrigen Wahlberechtigten. Er liegt auch unter dem Anteil der praktizierenden Protestanten. Aber es ist ein Grad der Normalität erreicht, den in den fünfziger und selbst noch in den sechziger Jahren wohl niemand für möglich gehalten hätte. Schließlich gab es noch in den achtziger Jahren Hirtenbriefe, die sich kaum verhüllt gegen die Sozialdemokratie und für eine andere große Partei aussprachen. Zur neuen Normalität zählt, daß es Christen in Parteien, nicht jedoch christliche Parteien gibt, denen andere nichtchristliche Parteien gegenüberstünden.

Der Weg dorthin war weit. Zu Beginn dieses Jahrhunderts standen sich Katholizismus und Sozialdemokratie in scharfer Konfrontation gegenüber. Zwei Dokumente, beide aus dem Jahre 1891, machen die Unvereinbarkeit der Positionen besonders anschaulich: das Erfurter Programm der SPD und die Enzyklika Rerum novarum Papst Leos XIII.

Das Erfurter Programm war in seinem theoretischen Teil von der Gewißheit erfüllt, daß mit dem Sozialismus - nach damaligem Verständnis: mit der im Wege des Klassenkampfes zu verwirklichenden Vergesellschaftung der Produktionsmittel - nicht nur die Befreiung des Proletariats, sondern auch des gesamten Menschengeschlechtes und damit ein geschichtlicher Endzustand eintreten werde. Diese Gewißheit war mit einer uneingeschränkten Fortschrittsgläubigkeit verbunden, die für religiöse Bindungen nicht viel Raum ließ. Dem lagen Marxsche Gedankengänge zugrunde, auch die Lehre von dem letztlich durch die Ökonomie determinierten Bewußtsein des Menschen; die im Programm enthaltene Formulierung "Religion ist Privatsache" hat diese Grundgedanken wohl eher bekräftigt als modifiziert.

Auf der anderen Seite verurteilte Rerum novarum den Sozialismus ohne jede Differenzierung mit den härtesten Wendungen und charakterisierte ihn als "Abfall von der Wahrheit". Die Enzyklika verteidigte das Eigentum ohne jede Unterscheidung zwischen dem Eigentum an Produktionsmitteln - und der ihm innewohnenden Verfügungsgewalt über Menschen - einerseits und dem die individuelle Freiheit sichernden Eigentum des persönlichen Bereichs andererseits; beides ist erst vierzig Jahre später in Quadragesimo anno korrigiert worden.

Bei näherer Betrachtung überrascht allerdings, daß sich in derselben Enzyklika Äußerungen finden, die für die damalige Zeit provozierend waren. So kritisierte Leo XIII. die herrschenden sozialen Zustände in einer Weise, wie es bis dahin aus dem Munde eines Papstes niemand für möglich gehalten hätte. Den Satz beispielsweise, in dem vom "sklavenähnlichen Joch" die Rede ist, das "wenige Reiche einer Masse von Besitzlosen" auferlegten, würde man als zugespitzte Beschreibung einer Klassengesellschaft eher bei Engels, Liebknecht oder Kautsky als in einem päpstlichen Lehrschreiben vermuten. Auch die Forderung nach dem gerechten Lohn, die Bejahung der Pflicht des Staates, in die Wirtschaft einzugreifen, und die Ermutigung der Arbeiterschaft zur solidarischen Selbsthilfe standen keineswegs im Einklang mit den Auffassungen der damaligen Inhaber staatlicher und wirtschaftlicher Macht.