Kurt Markert ist ein Wechselwähler. Hätte der Jurist aus Berlin die Wahl, dann würde er ganz einfach den Stromlieferanten wechseln. Andere haben das schließlich auch schon getan: Die Metro-Kette bekommt ihren Strom mittlerweile vom Hamburger Elektrokonzern HEW; der baden-württembergische Versorger EnBW beliefert seit Januar die deutschen Fabriken des Lebensmittelkonzerns Nestlé.

Daß die beiden Unternehmen ihren bisherigen Lieferanten überhaupt den Rücken kehren konnten, verdanken sie auch Kurt Markert: Als Abteilungsleiter im Bundeskartellamt hatte sich der Rechtsexperte jahrelang für den Wettbewerb bei Strom und Gas eingesetzt und auch das neue Energiewirtschaftsgesetz wesentlich mitgestaltet. Heute, im Ruhestand, zieht ausgerechnet der Privatmann Markert aus der Öffnung des Strommarktes keinen Vorteil. Von der neuen Konkurrenz im Energiesektor, schimpft der Kartellrechtler, habe er nichts.

Das soll sich jetzt ändern. Zumindest, wenn es nach dem Willen des Bundeskartellamts geht: Insgesamt fünf Beschwerden liegen den Wettbewerbshütern mittlerweile vor oder sind angekündigt; sie alle richten sich gegen den Berliner Energieversorger Bewag. Neben Kurt Markert klagen Stromkonzerne wie die EnBW oder Newcomer wie die skandinavische Vasa Energy. Grund: Der Exmonopolist Bewag sperrt sich vehement gegen die sogenannte Durchleitung von Strom eines Konkurrenten durch das eigene Netz (siehe Kasten auf Seite 22). Mit einigen Musterverfahren will der Präsident des Bundeskartellamts, Dieter Wolf, nun den Wettbewerb auf dem Strommarkt beschleunigen. Der Wettbewerbswächter spricht gar von einem "Dominoeffekt". Die ehemaligen Monopolisten müßten erkennen, daß sich ein Rechtsstreit nicht lohnt.

Fast scheint es, als würden die massiven Beschwerden aus den Reihen der Unternehmen das Wechselkarussell auf dem Strommarkt richtig in Schwung bringen. Privatmann Markert nämlich versucht schon seit längerem gegen die Bewag vorzugehen - bis heute ohne Erfolg. Und so spiegelt der Berliner Strommarkt auch das bundesweite Dilemma wider: Auf dem Papier sind die einstigen Gebietsmonopole der großen Stromkonzerne theoretisch gebrochen: Jeder Kunde kann nun - das ist die Grundidee der Marktöffnung - seinen Anbieter selbst aussuchen. Tatsächlich hat etwa die Hamburger HEW ihren Absatz außerhalb der Hansestadt bereits um 30 Prozent gesteigert. Für die privaten Haushalte dagegen bleibt die freie Wahl des Anbieters - und damit ein niedrigerer Strompreis - meist bloße Theorie.

Die alten Monopolisten wehren sich mit Bürokratie Die größte Hürde für wirklich freien Wettbewerb haben die Kritiker längst ausgemacht: die sogenannte Verbändevereinbarung. Der freiwillige Pakt, den Stromwirtschaft und Industrie - vertreten durch die Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW), den Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) sowie den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) - im Mai vergangenen Jahres geschlossen haben, sollte auch dafür sorgen, daß die alten Monopolisten möglichst schnell die Preise für die Nutzung ihres Netzes offenlegen. Für alle neuen Anbieter sind diese Preise - die sogenannten Durchleitungsgebühren - eine wichtige Kalkulationsgrundlage: Ähnlich wie auf dem Telefonmarkt beliefern die Newcomer ihre Kunden über das Netz der alten Monopolisten. Anders aber als bei der Telekommunikation gibt es auf dem Strommarkt keine Regulierungsbehörde, die den Preis bestimmt. Die Folge: Knapp ein Jahr nach Öffnung des Marktes haben die wenigsten der mehr als 900 Stromversorger tatsächlich ihre Durchleitungsentgelte veröffentlicht.

"Gebührenvergleiche gibt es derzeit nur für große Strommengen", sagt Aribert Peters, der Vorsitzende des Bundes der Energieverbraucher (BdE). Ein normaler Privathaushalt mit seinen geringen Abnahmemengen wird damit für neue Anbieter erst gar nicht interessant. Für Peters ist klar: "Die Verbände sind lebhaft daran interessiert, die Tarifkunden weiterhin vom Wettbewerb auszusperren."

Wer dennoch wechselt, zahlt meist kräftig drauf. Wie die Grünen-Politikerin Michaele Hustedt: Seit Anfang Februar bezieht die Bundestagsabgeordnete ihren Strom nicht mehr von den Stadtwerken Bonn - und damit indirekt von der RWE Energie AG -, sondern von der Bürgerinitiative Windenergie Nordeifel. Der Preis: Statt der in Bonn üblichen 27 Pfennig je Kilowattstunde zahlt die umweltbewußte Parlamentarierin 43 Pfennig je Einheit.