Anders, als der Autor meint, wurde aus heutiger Sicht der Reichstag in der Kaiserzeit eben nicht in gleicher allgemeiner Wahl gewählt. Rund die Hälfte der Bevölkerung durfte nämlich nicht wählen: die Frauen.

Prof. Adelheid von Saldern Universität Hannover

Es geht gar nicht um die mehr oder weniger demokratische Rolle des Reichstages. In der Diskussion wird vielmehr die "Bonner Republik" als "Episode der deutschen Geschichte" bezeichnet, von der man in die Geschichte zurückkehren müsse. Deshalb "Reichstag". Es geht also um das Selbstverständnis dieser Republik. Deshalb sollte der "Reichstag" "Bundestag" heißen. Das ließe für die Zukunft hoffen. Die Europäische Union setzt ohnehin neue Rahmendaten.

Peter Braun Meckenheim

Jan Ross hat nicht recht, wenn er meint, der Kanzler habe recht, wenn der den zukünftigen Bundestag Reichstag heißen will. Populistisch, wie er nun einmal ist, weiß Gerhard Schröder natürlich, wie schwer sich Anwohner tun, wenn zum Beispiel der Straßenname geändert werden soll, egal, ob es sich um den Marx-Engels-Platz oder die Hindenburgstraße handelt. Geschichtsbewußtsein muß man da nicht erwarten. Aber unverklemmt ist er eben auch nicht. Zwar ist es heute Mode und sehr nostalgisch, eine Disco, die in einem alten Hallenbad untergekommen ist, "Hallenbad" zu nennen. Aber der Bundestag ist keine Disco. Wenn Neckermann in den Reichstag eingezogen wäre, hätte er sicher Neckermann dran geschrieben. Unverklemmt und erfrischend ist es, eine Sache wirklich beim Namen zu nennen, denn auf den Inhalt kommt es an. So sicher, wie sich der Umzug des Bundestages nach Berlin vollziehen wird, so sicher ist, daß er in den Bundestag einzieht.

Dr. Klaus Tuch Ahrensburg