Aber nicht in der Schlange. Nun sitzen sie wieder. Aber nicht in der Parteiversammlung. Nun versammeln sie sich wieder. Aber nicht zum Aufmarsch. Einfältigen Gemütern konnte eingetrichtert werden, daß das die DDR war: Schlangestehen, Versammlungen, Aufmärsche. "Alles war so. Alles war anders." Das ist die passendste Antwort, die gegeben werden kann. Und zwar von denen, die in der Deutschen Demokratischen Republik zu Hause waren. Wie Thomas Billhardt und Kerstin Hensel. Billhardt, Jahrgang 1937, hat es in dem Dreibuchstabenland zu einem der Ersten unter den Fotografen gebracht. Hensel, Jahrgang 1961, gehört zu den Generationen, von denen kommunistische Altkader in besten DDR-Zeiten behaupteten, sie hätten sich in die "gemachten Betten" des Sozialismus gelegt. Beide haben sich zusammengetan, um "Bilder aus der DDR" zu veröffentlichen. Kritische Gesellen, die sie sind, kam es ihnen gar nicht in den Sinn, die DDR schönzuschminken. Bilder und Texte bringen eine Menge von dem zum Vorschein, was anders war: das Leben jener Leute, von denen soeben der Westberliner Autor Bodo Morshäuser abermals sagte, daß sie "einheitlich leicht nach vorn gebeugt" gingen und daß der Kopf "hängen gelassen" wurde, "als sei er längst abgegeben worden". Nicht gesehen war der weniger toupierte Kopf, das von Make-up-Masken freie, frischere Gesicht, der direktere Blick. Selbst wo die DDR am stupidesten war - in ihren Tribünen, tristen Industrierevieren, genormten Festveranstaltungen -, waren die Menschen da, die den Kopf hochhielten und sich das Lachen nicht verkneifen konnten. Es wurde gern und gut gelacht in der DDR. Über die da oben sowieso. Auch über sich selbst. Dieses Buch muß nicht schon morgen in die Makulatur. Es kann auch denen in die Hand gedrückt werden, die mit der DDR nichts am Hut hatten. Es wird sie erheitern!

Thomas Billhardt/Kerstin Hensel: Alles war so. Alles war anders Bilder aus der DDR; Gustav Kiepenheuer, Leipzig 1999; 127 S., Abb., 49,90 DM