Man müßte eine Grübelsitzung einberufen, diese CD der Johannes-Passion auflegen und reihum raten lassen, aus welchem Land sie stammt. Es dürfte sich ein wunderliches Irren und Stochern begeben.

J. S. Bachs Haus hat bekanntlich so viele Wohnungen, daß nur wenige wissen, daß ein Appartement seit geraumer Zeit von neuen, fremden Mietern bewohnt wird - von Masaaki Suzuki und dem Bach Collegium Japan. Sie führen sich leise auf, sie haben sich die Manieren der Musik angeeignet, sie machen alles richtig. Doch begegnet uns hier mehr als ein antrainierter Bach aus zweiter Hand. Ihre Aufnahme der Johannes-Passion in der Fassung von 1749 (BIS 2 CDs 921/922; Vertrieb: Disco-Center Kassel) ist ein Ereignis.

Wie zur Schärfung innerer Vorgänge biegt Suzuki, der in Amsterdam bei Ton Koopman studierte, jedwede Turbulenz ins Spirituelle zurück. Die Passion ruht in sich, ihr Atem ist lang. Sie prügelt dem Hörer kein Tribunal ins Ohr, sondern denkt die Frage des Pilatus still weiter: Was ist Wahrheit? Die Dramatik des Werkes rückt Suzuki in den Gestus einer Predigt, die nicht eifert, sondern betrachtet. Der Chor ist eine Gemeinde. Nur einmal bricht er aus, fährt uns an, fällt dem Evangelisten ins Wort: beim "Kreuzige ihn". Suzuki macht das Kreuz in diesem Moment nicht klein, er kostet die Dissonanzen aus. Eine Septime ist eine Septime: das querständige, geißelnde Intervall. Luther scheint nicht fern. Doch tut sich im japanischen Blick auf Golgatha ein angstfreier Raum auf. Ja, der Kreuzweg wird zu einem Exkurs über Frömmigkeit, die innig daran glaubt, daß am Ende die Tröstungen des Himmels warten.

Der Chor: fabelhaft leuchtend, anspringende Rhetorik, preußische Deklamation. Man glaubt es nicht, doch ist es Wahrheit. Die Musiker wissen mit Barockoboen, Darmsaiten und historischer Verzierungskunst höchst beredt umzugehen. Da wurde nachgedacht, nicht nachgemacht. In dem Holländer Peter Kooj hat Suzuki einen tiefsinnigen Bassisten nach Japan geholt, in Gerd Türk einen vorzüglichen deutschen Tenor. Ihnen zur Seite steht der junge Countertenor Yoshikazu Mera, dessen geheimnisvolles Timbre beim Hörer Saiten zum Schwingen bringt, die ihm tief verborgen schienen.

Die klugen, fernen Bach-Pfleger haben bei BIS kürzlich auch eine Kantatenserie begonnen. Mehr noch: Der ganze Bach soll es sein. In dessen Haus wird Japan bald eine eigene Etage benötigen.