Es ging durch Kirchen und Klöster Kastiliens, vorbei an Königsgräbern, Heiligenstatuen oder Christusfiguren. Es ging über die Hügel Granadas, in die Gassen des maurischen Viertels und die längst übertönten Klangwelten der Stadt. Gärten wurden genauso erforscht und klassifiziert wie die zahllosen Schattierungen des Lichts auf Mauern und Hügeln oder die Stimmungen der in Stagnation dahindämmernden Provinz. Vor allem aber ging es in die gerade erst sich entfaltende Sprachwelt eines jungen Dichters.

Impressionen und Landschaften war Federico Garcøa Lorcas erster Auftritt als Schriftsteller. Den Druck des 1918 erschienenen Bandes spendierte der durch Zucker zu Reichtum gelangte Vater. Der Sohn zählte gerade erst 19 Jahre. Seine Welterfahrung war, soweit nicht aus Büchern übernommen, noch schmal. Um so entschiedener aber zeigte sich der Wille, durch reife Einsichten zu glänzen, was natürlich nicht ohne Posen abging. Trotzdem sind diese Texte erfüllt von einer eminenten Sensibilität der Wahrnehmung und virtuoser Beschreibungslust.

Grundlage für Lorcas hier ausgebreitete Beobachtungen waren neben seinen Wanderungen durch die Heimatstadt Granada hauptsächlich einige kunsthistorische Exkursionen nach Kastilien. Seine Reisegesellschaft, angeführt von einem Professor, läßt der elegante Bohemien allerdings bestenfalls durch ein gelegentliches "wir" erahnen. Ansonsten nimmt er die Leser ganz eigenständig mit auf seine Streifzüge und Gedankengänge. Besichtigt wurden mit den Königsklöstern um Burgos die Relikte und Reliquien einer großen Vergangenheit. Zu diesen "Pilgerstätten der Kastilienromantik" wurde Lorca von einer Geschichtspassion hingezogen, die ihm die Schriftsteller-"Generation von 98" vererbt hatte, wie Martin von Koppenfels in seinem kenntnisreichen Nachwort erläutert. Jedoch: "Der junge Lorca braucht Geschichte nur als Resonanzraum für die eigenen Gefühle."

Tatsächlich brechen diese Gefühle als scharfe Urteile oftmals blitzartig hervor. Im Kartäuserkloster La Cartuja de Miraflores bei Burgos mißfiel Lorca die Weltabgewandtheit der Mönche, die sich anstatt um Nächstenliebe nur um ihr egoistisches Seligkeitsstreben kümmerten. Und bei Betrachtung der dortigen Heiligenskulpturen kritisierte er das meisterliche Handwerk, weil es dennoch keinerlei "Ausdruck" und "innere Bewegung" erkennen lasse. Da artikuliert sich ein häufig spürbares Aufbegehren gegen die bis zur Leblosigkeit erstarrte Tradition. Ja mehr noch: Man kann diesen Ruf nach der "inneren Bewegung" fast als eine Art Poetik seiner Impressionen lesen. Romantisches Nachempfinden, Stimmungsmalerei und Melancholie lassen manche Konturen verschwimmen. Unter dem Blick des empfindsamen Touristen verwandeln sich die bröckelnden Klosterruinen in einen Schauplatz unbestimmter Erwartung.

Charakteristisch dafür ist das den Band eröffnende Stück Meditation: "Etwas Ruheloses und Totes haben all diese verschwiegenen und vergessenen Städte ... Eine liebende Hand legte sich schützend über ihre Häuser, um sie vor dem Ansturm der Jugend zu bewahren, doch die ist längst da und wird auch weiterhin kommen, und über den rötlichen Kreuzen werden wir den Aeroplan sich triumphierend in die Lüfte erheben sehen." Irgend etwas wird kommen und diese im 19. Jahrhundert versponnene Welt aus ihrer versteinerten Ruhe reißen. Daß die Jugend auch in Spanien Waffen und die Flugzeuge Bomben tragen würden, wußte Lorca 1918 noch nicht. Der Raum der ungewissen Ahnungen, Hoffnungen bestand für ihn noch ganz aus Licht, Luft und Klang: Sommermorgen, Klänge, Abenddämmerung. Darin sah er die offenen Gegenbilder zur Hermetik der "endlosen roten Erde, rot von einem Blut, das von Kain und Abel stammt ..."

Daneben jedoch finden sich auch, verstreut, die Vorzeichen einer grotesk-grausamen Wirklichkeit. Etwa in dem durchaus sozialkritischen Bericht über das Elend in einem galicischen Waisenhaus. Oder in der Vision, daß ein "Sturm der Masse" bald über die Reservate des Romantikers hinwegfegen wird.

"Wir alle sind beständig und voller Illusionen auf der Suche nach irgend etwas, das unsere Seele von ihrem ursprünglichen Schmerz befreien könnte ..." Lorca hat auf dieser Suche erstmals - und virtuos! - seine Sprache erprobt und uns das Spanien seiner Jugend als Seelenlandschaft des jungen Dichters überliefert. Impressionen und Landschaften erscheint mit dieser Ausgabe erstmals vollständig in deutscher Sprache und in weitgehend neuer Übersetzung.