Gewiß: Lear muß kein König sein, sein Machtverzicht muß nicht Thronverzicht bedeuten. Natürlich ist Lear auch ohne den mythischen Berufstitel vorstellbar. Er muß nicht, wie seinerzeit Rolf Boysen in Dieter Dorns glorioser Münchner Inszenierung, im purpurnen Königsmantel hereinrauschen, ganz der zornmütige Gewaltherrscher von einst und immerdar, Fürst aller Schreckensmären. Er muß nicht - aber es hilft der Aufführung.

Lear muß auch nicht verrückt werden - er kann bereits von Anfang an verrückt sein. Daß er eingangs sein Reich, seine Macht und seine Besitztümer unter seinen Töchtern aufteilt, kann schon als Akt des Wahnsinns gelten. Es kann - aber es hilft der Aufführung nicht.

Wenn Lear kein König sein darf und auch kein Hiob, sondern nur ein x-beliebiger Machthaber aus Politik oder Wirtschaft im grauen Flanell, also ein Lafontaine oder ein Pischetsrieder wie du und ich, dann ist sein Fall vielleicht ein Malheur, aber keine Tragödie, schon gar nicht der Anfang vom endlosen Sturz in die existentielle Bodenlosigkeit, als den ihn Shakespeare gedacht haben mag, hinein und hinab in alle apokalyptischen Konfigurationen aus Chaos, Bürgerkrieg, Zerstörung, Untergang u nd Kataklysma. Und wenn Lear von Anfang an verrückt ist, dann muß er, wenn die Töchter ihn ins Elend stoßen, nicht erst Angst haben, den Verstand zu verlieren, dann braucht's auch keinen Heidesturm als Metapher für das Wahnsinnswüten in Lears Gemüt, dann ist's nicht die Bosheit der Menschen, die eines Königs Seele und Verstand zerrüttet - dann verliert sich nur ein Narr in närrischen Delirien, nichts weiter.

Am Hamburger Schauspielhaus haben der Regisseur und der Übersetzer (Dimiter Gotscheff und Werner Buhss) die Figur des Narren, des Fool, gestrichen, mit der Begründung, der Narr sei ein Teil von Lear selber geworden. So, wie Josef Bierbichler anfangs hereingeschlendert kommt, in sich hineinschmunzelnd und eine Rose in der Hand, halb schon Privatmann, halb noch irgendein Firmenboß oder Familienchef, wirkt er, wenn schon nicht närrisch, so doch deutlich gestört. Woher er kommt, ist fraglich - vielleicht aus seinem Chefbüro, vielleicht aber auch, für eine letzte lästige Amtshandlung vor der Entmündigung, aus einer Nervenheilanstalt. Flüchtig nickt er der wartenden Familie, den Mitarbeitern und den Männern vom mobilen Kommando zu, fläzt sich auf den einzigen Stuhl am Tisch und versinkt in brütendes Schweigen.

Sein Aufzug - blauer Blazer, offenes Hemd - ist nachlässig, zu Krawatte und Manschettenknöpfen hat's nicht mehr gereicht. Abwesend dreht dieser Lear an seinen Ringen, versucht sie abzuziehen, zupft autistisch an Nase, Ohren und Fingern. Wenn seine kaltäugigen Töchter nach diesem Auftritt untereinander von "Zerfall" und "Zerrüttung" des Vaters sprechen (wovon das Shakespearesche Original nichts weiß), dann klingt das wie eine Diagnose, die Buhss und Gotscheff zur Rechtfertigung ihrer Lesart dem Helden stellen.

Bierbichlers Lear ist ein stiller Brüter - und bleibt das auch, vier monotone Aufführungsstunden lang. Er tobt nicht, er rast nicht, er flüstert (und wurde dafür vom Premierenpublikum derart angepöbelt, daß ihm die letzte Spiellust sichtbar verging). Den König Lear zu entpathetisieren, ihn alltagssprachlich auszunüchtern und prosaisch zu schmälern, ihm den Fool und Cordelias Leichnam zu streichen, ihn um die brausenden Elemente und den schäumenden Wortschwall zu verkürzen und ihm statt dessen - plump, aber mit Lacan - bühnenbildbreit den Ich-Spiegel vorzuhalten - das ist eine zwar denkbare, aber keine dankbare Art, sich um die Herausforderungen dieses sperrigen, konfusen Stücks herumzudrücken.

Man hat schon andere Versionen von Drückebergerei gesehen: Will Quadflieg, den letzten Hamburger Lear, der vor sechs Jahren bei Flimm in die orgelnde Rhetorik des Großmimen flüchtete; Bernhard Minetti, der vor vierzehn Jahren bei Grüber an der Berliner Schaubühne nur einen eingetrockneten, versponnenen Königsgreis zeigte; schließlich Marianne Hoppe und Hildegard Schmahl als zwei Varianten von Queen Lear, bei Wilson und bei Tabori - auch dies Methoden, sich mittels der Extravaganzen e ines Geschlechtertauschs um das Stück herumzumogeln. Verglichen damit ist Gotscheffs Versuch nur noch grauer, grauser Trübsinnsschwindel - Lear als Minimal art, mit Bierbichler als Mümmelmonster, nur zum Sterben aufgebrezelt wie Pinochet in Paradeuniform. Der Rest ist Wispern.