Das Telefon läutet. Emmi hebt ab. "Ach!" sagt sie und "o je". Und später, zum Reporter: "Schon wieder ein Todesfall." Es wird einsam um einen, wenn man einundneunzigeinhalb ist. Da kann man drüber jammern. Man kann aber auch was dagegen tun. Man kann zum Beispiel eine neue Karriere beginnen. Emmi war schon mal Sängerin. Dann war sie Mutter. Bis vor wenigen Jahren arbeitete sie als Geschäftsfrau. Vor drei Jahren hat sie beschlossen, es noch mal allen zu zeigen. Auf ihre alten Tage ist Emmi Hagenmeyer Model geworden. Nicht irgendein Model: das älteste Model der Welt.

Ihr Gesicht war im Spiegel, als Illustration zu einem Artikel über das Altern. In einem Werbespot für den Hamburger Sportverein war sie die Oma, die ihren Enkel mit einem Computer erfreuen will, doch der Bengel hat nur HSV im Kopf. Für eine dänische Firma ließ sie sich von einer anderen Oma Kekse klauen. Und der Otto Versand schickte sie bei einer Senioren-Modenschau auf den Laufsteg. Seit drei Jahren sind Fotos und Abmessungen von Emmi Hagenmeyer in der Kartei einer Hamburger Werbeagentur, und nur eins macht sie nicht mehr mit: für 50 Mark zum Casting von Bremen, wo sie lebt, nach Hamburg - das hat sie nicht mehr nötig.

Sie wohnt in dem Bremer Szenequartier, das alle nur "das Viertel" nennen. Ruhige Wohnstraße, lauter Lehrer und Studenten, hier wird sicher noch zweistellig Grün gewählt, wenn es die Grünen mal nicht mehr gibt. Nach hinten raus ein Balkon. Falls man wieder mal Vogelgezwitscher nötig hat. In der Wohnung Stilmöbelchen, Fotos von Enkeln und Urenkeln. Alles beherrschend ein großes Ölbild, darauf ein Mann mit Lupe und Edelstein. Herr Hagenmeyer, vor 22 Jahren gestorben, war Großhändler für Juwelier- und Goldschmiedebedarf. Emmi führte das Geschäft nach seinem Tod weiter, bis vor vier Jahren. Da war sie 87. Ausgeschieden aus Altersgründen? Nicht doch! "Bremen ist für Schmuck ein schlechter Platz geworden." Die Werftenpleiten, die Arbeitslosigkeit. Kein Platz für teure Klunker, wie sie Emmi in großer Zahl an den Fingern trägt. Sie könnte ja nicht ohne. Ohne ihren Schmuck fühlt sie sich nackt, sagt sie. Und wenn es gefährlich wird, etwa in der Eisenbahn, dreht sie die Steinchen nach innen, daß man nur noch Metall sieht.

Jeden Abend ein Glas oder auch zwei

Wie ist das, Emmi: einundneunzigeinhalb zu sein? Viel mehr als einundneunzig, soviel ist sicher. Über neunzig darf man sein Alter wieder in Halbjahresschritten angeben, jeder Geburtstag ist eine Leistung. "Doch ich fühle mich gar nicht so alt. Ich lebe dem Heute", erklärt Emmi. Nun, Leben ist das eine, Reden das andere. Sie redet auch ganz gern über gestern und vorgestern. Weniger gern über morgen. "Lebe ich dann noch?" erschrickt sie manchmal, wenn ihre Gedanken zu mutig vorausgeeilt sind.

Reden wir über heute. Heute ist Emmi eine elegante Erscheinung. Kerzengerade, weißes Haar, braune Augen. Kaum angemalt, "Augen und Lippen und aus". Eine topmodische Dame in schwarzer Hose und grauem Nadelstreifen-Langjackett, ausgesprochen unterhaltsam und stets lachbereit. Sicher macht Lachen so alt. Wenn man die blöde Reporterfrage stellt: Wie stellt sie's an, so alt und so fit? Dann sagt Emmi: Rotwein. Jeden Abend ein Glas. Oder auch zwei. Zum neunzigsten Geburtstag stand ein Zelt im Garten, Musik, Vorträge, die Gratulanten drängten sich - nur der Bürgermeister fehlte, was sie ihm heute noch krummnimmt -, und jeder zweite hatte eine Flasche Rotwein dabei. Doch nun soll man nicht meinen, das wäre genug gewesen für den Rest des Lebens. Der Vorrat ist aufgebraucht. "Vielleicht waren es ja auch mal drei Gläschen am Abend."

Und nun ein bißchen Gestern. Wir fangen mit sündschwarzem Kaffee aus schnörkeligen Täßchen und Butterkuchen an. Und mit dem Kaiser. Wie er einmal in Bremen auf dem Neuenlander Feld eine Truppenparade abhielt. Wie Emmi in einem roten Kleidchen auf Bruders Schulter saß und ein schwarzweißrotes Fähnchen schwenkte. Wie es plötzlich regnete und ihr Kleid alle Farbe verlor, weil die Menschheit noch kein wasserfestes Indantren erfunden hatte. Hach, das wunderschöne rote Kleidchen! Ein anderes Mal, da war Emmi drei oder vier, lief sie von zu Hause weg, wo ihre Mutter allein vier Kinder großzog. Die Ausreißerin wurde bei der Polizei abgegeben und sang für Schokolade auf dem Tresen der Wache Lieder. Und siehe, da haben wir alle zentralen Motive von Emmis Leben: Mode. Lieder. Und Rausspringen aus den Verhältnissen.