Das ist ein altes Wort: sich etwas von der Seele reden. So lange reden, bis es nicht mehr weh tut, bis die Worte die Angst besiegt haben, bis das Ungesagte gesagt ist. Monika Maron schreibt in ihrem neuen Buch, daß Angst für sie so etwas wie ein Tausendmeterlauf sei. Die Angst, schreibt sie, muß man hinter sich bringen. Literatur, das kann im Augenblick vielleicht niemand so gut wie Monika Maron demonstrieren, Literatur ist unter anderem dazu da, tausend Meter weit zu laufen und die Angst zu besiegen.

Von Angst jedoch ist in diesem Buch zunächst gar nicht die Rede. Vielmehr von Josefa, der Großmutter, von Hella, der Mutter, Marta, der Tante, Walter, dem Vater, und Karl, dem Stiefvater. Aber vor allem von Pawel Iglarz, geborenem Schloma Iglarz, Jude aus Ostrow-Mazowiecki, Polen, an den sich heute niemand mehr erinnern würde, wäre er nicht der Großvater der Schriftstellerin Monika Maron. Eine Familiengeschichte nennt die Autorin das Buch über ihren Großvater, das in Wahrheit wie alle Bücher über Väter und Großväter auch ein Buch über die Schreiberin selber und das ganze ödipale und welthistorische Vieleck ist, aus dem ein Leben sich zusammensetzt. Und es ist, um das Wichtigste gleich zu sagen, ein behutsames, ein intelligent nüchternes Buch, das natürlich alles mögliche, nur keine Familiengeschichte ist, wenn man unter einer Familiengeschichte versteht, was man seit Martin Walsers Springendem Brunnen darunter versteht: das Nachbuchstabieren einer Vergangenheit in kurzen Hosen und kindlicher Einfalt, die Familienstory aus dem Tiefkühlfach einer nachgetragenen Unmittelbarkeit.

Monika Maron und Martin Walser machen beide eine Zeitreise zurück in die dreißiger, die frühen vierziger Jahre. Doch unterschiedlicher können Erinnerungsreisen nicht sein. Während Martin Walser die Vergangenheit von jeder durch die nachmaligen deutschen Zeitläufte belasteten Lesart befreien will, geht es Monika Maron um das schiere Gegenteil: Eine Schuld will sie abtragen, die mit denselben Zeitläuften aufs engste verknüpft ist. Die Schuld, die sie ihrem jüdischen Großvater gegenüber empfindet, der seinerseits "dem Leben so viel schuldig" bleiben mußte, nachdem man ihn im August 1942 aus dem Ghetto Belchatow verschleppt und irgendwo erschossen oder vergast hat. Wer, wenn nicht sie, sollte ihn vor dem Vergessen bewahren? Martin Walser erzählt von der Vergangenheit so, als könne man sie von dem, was später kam, durch das Erzählen befreien. Monika Maron erzählt von der Vergangenheit, als könne man das, was später kam, durch das Erzählen besiegen.

Die Erinnerungen an Großvater Pawel verströmen nicht den Duft der wiedergefundenen Zeit. Sie suggerieren in keinem Augenblick, das Geschehene im Erzählen ungeschehen zu machen. Sie sind vielmehr von Anfang an durch das Ende bestimmt. Nicht Restitution einer verlorenen Unschuld, sondern mühsame Rekonstruktion eines verlorenen Lebens. Die Toten dieses Buches, Großmutter Josefa und Großvater Pawel, werden vorsichtig geborgen aus den Resten einer beinahe schon verschütteten Familiengeschichte. Fünfzig Jahre sind vergangen, und viel ist nicht mehr da, um ein Leben zu begreifen. Ein paar schwarzweiße Fotografien. Josefa, die einen Teller abtrocknet. Pawel mit Schirmmütze und Fahrrad. Ein Vorzeigebild der ganzen Familie im Sonntagsstaat, die Mädchen in weißen Kleidern, die Jungs mit Schlips und Anstandstuch, die Eltern mit durchgedrücktem Rückgrat, ein Bewerbungsbild für die Einwanderungsbehörde der Vereinigten Staaten, das zwei Leben beinahe gerettet hätte, aber leider nie abgeschickt wurde.

Kein naturbelassenes Stück Erinnerung

Monika Maron breitet ihre wenigen Fundstükke aus, die Fotos, die Briefe, die Pawel aus dem Ghetto schrieb, den letzten Brief Josefas an ihren Mann, diktiert einen Tag vor ihrem Tod. Der einzige Brief, der von ihr übermittelt ist. Was vor allem daran lag, daß sie nicht schreiben konnte. "Mein lieber Mann", diktiert sie da, "mit einem Wort, es steht schlecht mit mir. Von den Kindern habe ich am Montag, dem 8. einen Brief bekommen und am 9.6. RM 50,-. (...) Nun bitte ich Dich sehr, ob Du Dich nicht bemühen könntest, einmal herzukommen, vielleicht würde man es Dir doch erlauben. Ich möchte mich so gern noch einmal mit Dir sehen."

Die Kraft solcher Dokumente liegt natürlich im Außerliterarischen, aber es liegt an Monika Maron und ihrer zurückgenommenen Dokumentation, daß man vom Schicksal dieser Familie angerührt wird. Alles, wird versichert, habe in dieser Familie Spaß gemacht. Pawel stand jeden Morgen als erster auf und machte für jedes der vier Kinder ein anderes Frühstück, Tee für Bruno, Kaffee für Marta, Milch für Hella, Kakao für Paul. Und am Abend zum Tee in der Küche durfte jeder mitbringen, wen er wollte, angeblich wurde getanzt, geturnt und über Gott und die Welt geredet.