Seit die Nato Luftangriffe fliegt, wird auch in Tetovo gehamstert. Sogar beim Einkaufen ist hier, zwanzig Kilometer vom Kosovo entfernt, die Nationalität wichtig. Auf dem Wochenmarkt stehen Händler, die von weit her gekommen sind, Ostmazedonier, Türken und Bulgaren, die vom Zuchtbullen bis zum Plastikeimer alles anbieten. Sie werden ihre Waren aber nur los, wenn sie die Mehrheit in Mazedoniens Westen, die Albaner, höflich in deren Sprache anreden. Im Zentrum der Stadt steht ein Kaufhaus leer. Konkurs, es gehörte Mazedoniern, und die Albaner kaufen lieber gegenüber in den kleinen Geschäften der Ihren.

Tetovo ist die reichste Stadt des auf Mazedonien, Albanien, Griechenland, Montenegro und das Kosovo verteilten Volkes der Albaner, auch Skipetaren genannt. Überall in der Stadt bauen sie sich neue Häuser. Das schafft Platz für die Flüchtlinge aus dem Kosovo, die von den einheimischen Familien aufgenommen wurden, bis Anfang der Woche wohl schon mehr als zehntausend.

Um den Markt, dessen Stände sämtlich in albanischer Hand sind, stehen junge Männer mit großen Bündeln mazedonischer Dinare und deutscher Mark. Ab und an setzen sie sich an einen Cafétisch und geben ihre Bündel an ältere Männer weiter. Sie wirken wie Geldwechsler. Doch in Wahrheit sind sie Geldeintreiber. Sie sammeln für die UÇK, wissen genau, was sie den Händlern, bei denen sie höflich vorsprechen, abverlangen können, ohne deren Solidaritätsgefühle für die Brüder jenseits der Grenze zu strapazieren.

Der vergangene Mittwoch war ein lauer Frühlingstag. Am Abend flanierte die Jugend. Aus den Lautsprechern im Queen's Club und im Garten des Studentenlokals Index dröhnte Musik. Plötzlich Stille. Auf einmal waren die Straßen wie leer gefegt. Dann aus den Wohnungen ab und an Beifall - für die Luftangriffe der Nato. Noch in der Nacht setzten sich mehrere hundert junge Männer in Marsch. Freiwillige für die UÇK. Endlich geschah, was die albanische Befreiungsarmee von der Nato gefordert hatte. Mendim Veliu, der als Dolmetscher für das Bundeswehrkontingent in Tetovo arbeitet, freute sich unverhohlen über die neue Waffenbrüderschaft: "Die Nato greift aus der Luft an, die Albaner vom Boden."

Nun stehen die deutschen Soldaten tatsächlich mittendrin. Ihre Kaserne, ein maroder Komplex, der ehemals der jugoslawischen Volksarmee diente, liegt direkt unterhalb der Berge zwischen Tetovo und Grenze. Unlängst war ein Trupp schwerbewaffneter Serben dabei ertappt worden, die mazedonische Seite des Grenzgebiets auszukundschaften. Oberhalb der Kaserne ließen sich leicht Mörser in Stellung bringen - wie einst über den Wohngebieten der Muslime in Sarajevo. Brigadegeneral Helmut Harff, der Kommandeur, gibt sich zwar schneidig, doch wenn man ihn nach den Gefahren eines Beschusses aus den Bergen befragt, würgt er das Gespräch ab.

Die Albaner sind eine Minderheit in Mazedonien. Aber nicht mehr lange

Aber auch ein anderes Szenario könnte Realität werden: daß der Luftkrieg dazu beiträgt, den Konflikt zwischen der Mehrheit der Mazedonier und der Minderheit der Albanier zu eskalieren. Una macedonia di frutta nennen die Italiener einen Obstsalat. Unter ihrem "Duce" Mussolini eroberten sie Albanien. Von dort aus versuchten sie vergeblich, auch Griechenland an sich zu reißen. Dabei lernten sie Macedonia kennen, das Völkergemisch auf dem südlichen Balkan. Die Mazedonier, die hier leben, sprechen - je nachdem was einer hören will - einen Dialekt des Bulgarischen oder einen des Serbischen. Im Zweiten Weltkrieg hielt Bulgarien das Gebiet besetzt. Josip Broz, genannt Tito, gab danach dem heute knapp zwei Millionen Einwohner zählenden Volk den Status einer Republik im kommunistischen Staat. Er ließ eine mazedonische Identität und eine Sprache fördern, die sich vom Bulgarischen und Serbischen unterscheiden sollte. Doch keiner der Nachbarn erkannte eine mazedonische Kultur an, geschweige denn eine Nation.