Chinas Staatspräsident besuchte die Schweiz und sah sich ein paar Dutzend Demonstranten gegenüber: Sie pfiffen, entrollten Transparente und forderten eine andere Tibet-Politik. Da wurde Jiang Zemin böse, so böse, daß er vor dem Berner Bundesrat zum Gegenschlag ausholte. Die Schweiz, sagte er, habe nun "einen guten Freund verloren". Das klang final - und war doch schnell vergessen. Nur zwei Tage später besichtigte Jiang den ABB-Konzern, Roche und Novartis. Bester Stimmung soll er am Ende ins Flugzeug gestiegen sein, nicht ohne sich vorher, wie ein guter Freund, mit militärischen Ehren verabschieden zu lassen.

Was lehrt die Episode? Kritik muß nicht schaden. Aber kann sie auch nützen? Jiangs Ausfall spricht dafür, daß sogar Herrscher, die aus hartem Holz geschnitzt sind, Nadelstiche spüren. Kürzlich war es Jusuf Habibie, der Nachfolger des indonesischen Diktators Suharto, der seine Abkehr vom undemokratischen Prinzip mit den Worten begründete: "Ich habe es satt, bei jeder Gelegenheit auf unsere Menschenrechtslage angesprochen zu werden."

China, ein Land mit 1,3 Milliarden Menschen und gewaltigen sozialen Problemen, fühlt sich zu Recht unverstanden, wenn es allein durch die Brille der Menschenrechte betrachtet wird. Doch am richtigen Ort, zur richtigen Zeit muß an die internationalen Standards erinnert werden. Bern war so ein Platz. Genf ist ein anderer, weit wichtigerer: Daß sich die Europäische Union bis heute nicht durchringen konnte, bei der UN-Menschenrechtstagung eine Resolution gegen China einzubringen, ist schwer erklärlich. Die USA wollen das nun nachholen. Wenigstens Amerika und die Schweiz scheinen begriffen zu haben, daß Autokraten zwar empfindlich sind, aber Freundschaften nicht so schnell aufkündigen.