Birgit N. hat ihre eigene Tochter vom Balkon geworfen und dem Kind ihrer Freundin Jolanda ein starkes Beruhigungsmittel eingeflößt. Wegen versuchten Totschlags und Vergiftung muß sich die 34jährige nun vor dem Landgericht Hamburg verantworten. Ohne Ausflüchte gibt sie die Taten zu.

Warum sie ihre zweijährige Tochter Vivian 1994 im Schlaf gepackt und mit den Worten "Du machst jetzt einen Flieger!" über die Balkonbrüstung ihrer Wohnung im zweiten Stock geworfen hat, kann Frau N. nur schwer erklären. "Da hatte ich mal wieder meinen Moralischen", sagt sie lapidar und blickt zu Boden.

Hinter der Tat steht das verpfuschte Leben der Mutter. Vom zehnten Lebensjahr an wurde Birgit N. fast täglich von ihrem trinkenden Vater vergewaltigt. Früh brach sie zu Hause aus und heiratete sofort - einen Alkoholiker. Vivian war kein Wunschkind. "Ich wollte das Kind von Anfang an nicht. Ihr Vater hat mir nach der Geburt gesagt: ,Los, wir schmeißen sie in die Mülltonne.'"

Die Ehe scheiterte. Birgit N. stand allein und hilflos im Leben, nur der Freund aus der Flasche hielt zu ihr. Sie ließ sich wahllos mit Kneipenbekanntschaften ein. Als wieder einmal einer ohne Abschied gegangen war, zerfetzte sie verzweifelt das Ehebett mit dem Küchenmesser.

Am Tag der Tat stand ihr 30. Geburtstag bevor. Birgit wußte, daß niemand kommen, daß sie ganz allein sein würde mit ihrem Kind. "In meinem ganzen Leben hatte ich niemanden." So geschah es. Vivian hatte Glück. Sie schlug direkt neben dem betonierten Abfallkübel in den Büschen vor dem Haus auf und erlitt bei dem Aufprall lediglich schwere Prellungen. Danach gelang es der betrunkenen Mutter, der Polizei weiszumachen, das Kind sei beim Spielen abgestürzt. Inzwischen hat die Frau erkannt, was sie angerichtet hat. "Ich habe Vivian genauso schlecht behandelt wie meine Mutter mich. Die hat mich immer geschlagen, auch ohne Grund."

Ruchbar wurde die Tat erst zwei Jahre später, als Birgit N. die Tochter ihrer Nachbarin Jolanda vergiftete. Sie habe am Nachmittag mit Jolanda "tüchtig einen gehoben", berichtet die Angeklagte. Dann habe die Freundin mit ihrem Mann abends gemeinsam "in die Wanne" gehen wollen, sie sollte die Tochter Laura über Nacht bei sich behalten. Weil Laura so quengelig war, habe sie ihr einen Löffel von ihrem eigenen Beruhigungsmittel gegeben. "Plötzlich fiel Laura vom Sofa."

Jolanda widerspricht der ehemaligen Freundin energisch. Auf gar keinen Fall habe sie ihre Tochter über Nacht wegen irgendwelcher "Sexgeschichten" bei der Freundin lassen wollen. "Ich wollte zurück in meine Wohnung, Abendessen machen, aber die Kinder wollten noch Sesamstraße gucken, so ist das passiert." Nach kaum 20 Minuten Abwesenheit habe Birgit N. mit dem Mädchen auf dem Arm vor Jolandas Tür gestanden: "Laura war wie eine Marionette. Ich hab' nur geschrien: Was hast du mit meinem Kind gemacht!" Eine Woche habe es gedauert, bis Laura wieder normal sprechen und gehen konnte.