Ein ganz normales Wochenende in Brandenburg: Im Dorf Crussow stoppen Rechtsradikale eine afghanische Familie in ihrem Auto, rufen "Ausländer raus" und "Heil Hitler". In Angermünde sagt ein Jugendlicher zu einem 19jährigen Aussiedler "Hier wird deutsch gesprochen" und verprügelt ihn. Auf dem Markt des Städtchens werden Händler angepöbelt: "Was wollt ihr Türken hier?" Im Kulturhaus von Erkner löst die Polizei ein Skinhead-Konzert mit 200 Besuchern auf. Ostdeutscher Alltag, unterhalb der Nachrichtenschwelle. Es muß schon - wie vor acht Wochen in Guben - einen Toten geben, um Schlagzeilen zu erregen.

Ausländerfeindlichkeit ist normal in Ostdeutschland. Rechtsradikale Jugendliche zeigen ihre Gesinnung auf der Straße. Sie tragen Springerstiefel, Bomberjacken und andere Symbole. Kaum jemand protestiert dagegen. Rechtsextremisten prägen den öffentlichen Raum. In weiten Teilen des Landes haben sie die Meinungsführerschaft, die kulturelle Hegemonie. Am hellichten Tag wurden in Magdeburg Ausländer durch die Stadt getrieben, bei den pogromartigen Ausschreitungen in Hoyerswerda standen Schaulustige dabei. Ganz anders im Westen: Rechtsextremistische Haßdelikte werden dort meist anonym verübt, im Schutz der Dunkelheit, wie etwa in Solingen und Mölln.

Ostdeutschland fehlt ein allgemeingültiges Wertefundament. Westdeutschland, also die ehemalige BRD, hat immerhin das Grundgesetz; und wenn man im Mai dessen 50. Geburtstag feiert, wird der Osten etwas unbeholfen dabeistehen. Die westdeutsche Gesellschaft vergewisserte sich ihrer Werte in einem langem Prozeß selbst. Die Wiederbewaffnungsdebatte, die Proteste gegen die Notstandsgesetze, die 68er etwa wirkten prägend. Die Westdeutschen haben gelernt, Konflikte zu benennen - und sind sich einig über die Regeln, nach denen sie dann ausgetragen werden. Die Westdeutschen haben sich Überzeugungen demokratisch erstritten, die allgemein anerkannt sind. Jedenfalls muß jeder, der dem Wertekonsens widerspricht, mit Mißbilligung oder auch Ausgrenzung rechnen. Im Westen verbietet schon die Political Correctness offenen Fremdenhaß. In Ostdeutschland dagegen ist Toleranz kein Wert an sich.

In der DDR hat es ein kritisches Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst nicht gegeben, eine demokratische Öffentlichkeit fehlte. Was es gab, war die offizielle Linie, die sozialistische Moral. Die Bindewirkung von Religion und milieubezogenen Konventionen hatte die SED bewußt zerstört, hatte das Bildungsbürgertum und den Mittelstand bekämpft. Als schließlich 1989 mit der Mauer das marxistische Wertesystem zusammenbrach, war nichts mehr da, was die Lücke hätte füllen können.

In der DDR war aller Konsens nur erzwungen

Statt eines freien öffentlichen Diskurses verfügte die DDR über eine zentral gesteuerte Agitations- und Propagandamaschinerie. Diese verordnete, was jeder zu denken hatte. Unter diesem monotonen Geplärre der Lautsprecher herrschte Schweigen. Jedem war klar, was und wie er nach außen hin zu sprechen hatte. Der auferlegte Konsens - ein Paradoxon - entwertete in der Folge auch jene Zustimmung, die freiwillig zustande gekommen wäre. Die Berliner Arbeiterfamilie etwa, die 1978 die einmillionste neue Wohnung aus dem Wohnungsbauprogramm der SED in Marzahn beziehen durfte, hat sich gewiß ehrlich gefreut. Daß ihr Lob der DDR-Sozialpolitik dann im Neuen Deutschland vierspaltig, inklusive Foto mit Erich Honecker auf dem Wohnzimmersofa, wiedergegeben wurde, rief beim Leser gleichwohl nur Kopfschütteln hervor. Oder die Unterschriftensammlungen für die Freilassung Nelson Mandelas: Natürlich war jeder dabei. Doch leider führte die offizielle Erwartung, alle würden mitmachen, dazu, daß die Aktion als Meinungsäußerung nicht ernst genommen zu werden brauchte; jede individuelle wie kollektive Empörung über Apartheid mußte manipuliert wirken.

Der durchschnittliche DDR-Bürger äußerte seine politische Meinung, wenn sie von der konformen abwich, allenfalls im privaten Gespräch. Die wenigen, die es anders hielten, blieben die Ausnahme. So schimpfte man in seiner Nische und vermutete sich mit den anderen im Einklang. Ob es wirklich so war, wußte man nicht. Niemand konnte seine Argumente im offenen Streit schärfen, seine Meinungen bestätigt oder überzeugend widerlegt bekommen. Pluralität im politischen Raum haben DDR-Bürger nie erfahren. Die Bundestagsdebatten im Westfernsehen fanden zwar viele faszinierend. Aber selbst öffentlich streiten, haben die wenigsten Ostdeutschen gelernt - bis heute. Die DDR wollte "ihre Menschen" zu "allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeiten" erziehen. Auf die bundesdeutsche Gesellschaft, deren Ideal der "mündige Bürger" ist, bereiteten die Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen nicht vor. "Bürgerliche Gesinnung" war in der DDR ein Schimpfwort. Das Bürgertum - die Bourgeoisie - war der Gegner des Proletariats im Klassenkampf und verfolgte, so hat man es gelernt, "antagonistische Interessen". Kein Wunder also, daß ein Appell an das Bürgerbewußtsein für ostdeutsche Ohren anders klingt als für westdeutsche.