Tarrach tanzt. Zaudernd zunächst, doch dann dreht er auf. Mit ungelenker Eleganz stolpert der beleibte Schauspieler um die schwangere russische Ballerina herum, in die er sich augenblicklich verlieben wird, in dieser Nacht im Tiergarten, vor der Berliner Kongreßhalle. Denn Jürgen Tarrach spielt Toto, den Busfahrer, der zu gerne fahrplangemäß seine Arbeit erledigen möchte. Aber es kommt alles ganz anders.

Schnee in der Neujahrsnacht heißt die Silvesterstory des Regiedebütanten Thorsten Schmidt, für die Tarrach zur Zeit allnächtlich vor der Kamera steht. Die Geschichte von einem, der auf die schiefe Bahn geriet und an Silvester 2000 ein besserer Mensch werden will: der pünktlichste Busfahrer der Hauptstadt. Ein Wintermärchen mitten von der Baustelle Berlin. Am deutschen Kino hat Tarrach lange den Zauber vermißt, die dichte Atmosphäre, die er bei den französischen Klassikern und bei Kollegen wie Lino Ventura, Alain Delon oder Michel Serrault so schätzt. "Wir leben im Land der Fußgängerzonen", meint der 38jährige bedauernd und lacht, wie so oft, wenn er ins Erzählen gerät. In seinen Augen kann es nicht schaden, wenn im nüchternen Deutschland nun eine romantische Filmwelle anrollt.

Die Musterknaben -Rolle haben Huettner und Koautor Dominic Raacke dem Freund und Kollegen auf den Leib geschrieben. Die Huettner-Family, die Tarrach 1994 den Einstieg ins Filmgeschäft ermöglichte, erlaubt ihm, sich fallenzulassen. "Wenn ich mit denen drehe", meint der gebürtige Rheinländer, "ist es, wie wenn ich nach Hause zurückkehre. Ich kann beim Spielen intim werden, ohne mich beobachtet zu fühlen." Der dritten Musterknaben- Folge sieht er mit Vorfreude entgegen. Tarrach, der Teamworker. Er braucht das Zugehörigkeitsgefühl und spricht lieber über die anderen als über sich selbst: über das Team am Set, über die Freunde aus der Huettner-Clique und über die eigene Familie zu Hause in Berlin-Zehlendorf. Kein noch so attraktives Angebot brächte ihn dazu, seine Frau Ulrike und seine Kinder, Max, 5, und Sophie, 8, zu vernachlässigen. So wie Docker sich nach dem Showdown vor Schreck erst einmal hinlegt, braucht Tarrach die Pausen zwischen den Drehs. Familienleben als Ausgleichssport, "Filmemachen ist schon verrückt genug".

Womöglich ist er sich deshalb nicht zu schade, in seinen zahlreichen Fernsehrollen dem "ganz normalen Männerelend" (Süddeutsche Zeitung) Gestalt zu verleihen: die verschwitzte, schlecht angezogene Existenz all derer, die groß raus wollen, mit Gewichtsproblemen kämpfen, sich im Weg stehen und vom Rest der Welt verkannt werden. Tarrachs Hitzköpfe geraten mit den besten Absichten in Rage. Deshalb versagen sie bisweilen, bei aller Zuvorkommenheit und Pedanterie. Und doch helfen seine Geschöpfe, sei es im Sat.1-Melodram Koma oder in der ProSieben-Komödie Blind Date, der Schubkraft der Liebe gehörig nach. Meist bei den anderen; die eigenen Rendezvous münden selten im Happy-End. Aus dieser unbeholfenen Galanterie schöpft Tarrach sein komisches Potential. Die Komik dessen, der ein Herz hat und es partout nicht verbergen kann.

Das große Drama der kleinen Leute braucht Darsteller wie ihn

Da behauptet sich einer mit stillem, zärtlichem Trotz gegen die Cleverness der Karrieristen - und gegen die eigene Vergeblichkeit. Tarrachs Stärke liegt in den allzu menschlichen Schwächen, denen er Ausdruck verleiht, in der Mischung aus Humor und rheinischer Melancholie. Sisyphos mit kurzem Atem und ausgetretenen Schuhen: im aussichtslosen Kampf gegen die Malheurs eines Alltags, in dem der schlimmste denkbare Fall garantiert eintritt. Aber Aufgeben gilt nicht. Unsereins ergeht es im wirklichen Leben schließlich nicht anders.

Wie verträgt er sein Image als Kumpel vom Dienst? Wir sitzen, am einzigen drehfreien Abend dieser Woche, im Café Einstein, rauchen eine Zigarette nach der anderen, und Tarrach wird beinahe verlegen. "Ich leihe meinen Charakteren meine Persönlichkeit. Die Menschlichkeit ist eine Eigenart von mir, die ich nicht verstecken kann." Wenn der Sympathieträger doch einen Bösewicht gibt, wie den depressiven Bombenbastler in Til Schweigers Eisbär, dann mit verzögerter Tatkraft. Auch bei den bad guys interessiert sich Tarrach weniger für die eiskalte kriminelle Energie als für das Opfer im Täter.