Es lag in der Luft. Nur Zeitpunkt und Partner überraschten. Kurz bevor sich RWE-Chef Dietmar Kuhnt und sein Kollege von Veba, Ulrich Hartmann, ins Osterwochenende verabschiedeten, brachten sie die Sache noch schnell zu Ende: Für 2,25 Milliarden Mark verkauften sie ihre gemeinsame Telefontochter o.tel.o an Mannesmann Arcor - und nicht an den kleinen Rivalen MobilCom, wie zunächst beabsichtigt (siehe ZEIT Nr . 14/99).

Für die 2800 Mitarbeiter ein Osterei ganz besonderer Art. Auch die Kunden von o.tel.o dürften die Ankündigung zunächst für einen verspäteten Aprilscherz gehalten haben. Doch große Sorgen müssen sich weder die einen noch die anderen machen. Harald Stöber, der Arcor-Chef, gilt als exzellenter Fachmann und weitsichtiger Konzernlenker. Er griff kurz entschlossen zu und hat nun noch bessere Chancen, seine Position als ernsthaftester Rivale der Telekom auszubauen.

Weil es Stromkonzernen auch in alten Monopolzeiten schon erlaubt war, eigene Leitungen zu betreiben, konnten sie der Telekom von Anfang an mit einer eigenen Infrastruktur Paroli bieten. Der ehrgeizige Plan: Hartmann und Kuhnt wollten schon in kurzer Zeit zum "führenden Anbieter in Deutschland" aufsteigen. Ihre biederen Konzerne sollten ein dynamisches Image erhalten.

Für Kuhnt dürfte das blamable Ende des Ausflugs in den neuen Markt ganz besonders bitter sein. Der Essener Stromkonzern wollte zunächst mit Viag gemeinsame Sache machen. Auch die Münchner zählen heute zu den wenigen Anbietern der bunten Branche, die ein eigenes Netz betreiben. Doch 1996 wechselte das RWE überraschend in die Allianz mit Veba - aus heutiger Sicht der Anfang vom Ende.

Immer wieder lagen die beiden Konzerne überquer, blockierten sich gar, wenn es um die gemeinsame Strategie ging. Von Dynamik keine Spur. Gleichwohl glaubte Kuhnt daran, daß die Tochter doch noch gedeihen könnte. Schließlich aber gab auch er auf, nachdem klar war, daß sich sein Partner Hartmann partout von o.tel.o trennen wollte. Möglicherweise ein großer Fehler.

Von Weitsicht und starken Nerven zeugt der peinliche Rückzug aus dem Zukunftsmarkt jedenfalls nicht. O.tel.o habe nicht die Chance, der im Konzern üblichen Rendite zu entsprechen, begründete Hartmann seine Entscheidung. Damit gab er dem Druck seiner Aktionäre nach. Und die sehen in diesen schnellebigen Zeiten rot, wenn die Zahlen nicht rasch genug schwarz sind. Wer sich aber in der Telekommunikation ernsthaft engagiert und sogar eigene Netze baut, der muß wissen, daß sich ein solches Investment nur langfristig auszahlt.

Zugegeben: O.tel.o häufte ungewöhnlich hohe Anlaufverluste an. Doch seit Thomas Geitner vor rund acht Monaten seinen glücklosen Vorgänger an der Spitze abgelöst hatte, gingen die Geschäfte bedeutend besser. Mit rund 400000 Kunden, die im preselection- Verfahren mehr Treue zeigen als die flüchtigen call-by-call- Kunden, steht o.tel.o inzwischen besser da als alle anderen Telekom-Rivalen. Außerdem wurde die Chance vertan, von dem enormen Potential neuer Techniken zu profitieren.

Zweite Option: Das RWE sah die Chance, künftig via Stromkabel Gespräche zu übertragen. Zwar ist die Technik noch längst nicht marktreif. Demnächst könnte sie jedoch den direkten Zugang zum Kunden schaffen. Der ist deshalb so begehrt, weil über die Telefonsteckdosen in den Haushalten bislang fast ausschließlich die Telekom herrscht. Zwar muß sie den Anschluß, falls gewünscht, an die Konkurrenz abtreten, das aber zu einem Preis, der den Wettbewerbern viel zu hoch ist.

Doch von großer Innovationsfreude war das Veba/RWE-Gespann noch nie geprägt. So besitzt es nach wie vor noch 2,2 Millionen TV-Kabelanschlüsse, die sich aufrüsten ließen, um darüber zu telefonieren oder durchs Internet zu surfen. Doch auch daran soll den beiden Konzernen die Lust vergangen sein. Es reicht eben nicht, keine Ideen zu haben, man muß auch unfähig sein, sie umzusetzen.