Tirana

Boulevard der Märtyrer: Das Hinweisschild, das in den Bürgersteig eingelassen ist, dürfte aus einer anderen Zeit stammen. Es ist höflich gehalten: "Wir bitten Sie, nicht auf den Boden zu spucken." Aus der Zeit der italienischen Besatzung könnte es stammen, als Mussolinis Faschisten diese einzige gerade Straße in der Mitte Tiranas und sämtliche Regierungsgebäude anlegten. Oder aus der Zeit der albanischen Finsternis, als der xenophobe Diktator Enver Hodscha das Land abschottete. Damals war es Normalsterblichen allerdings verboten, das Regierungsviertel zu betreten, so daß die Aufforderung nur höchsten Funktionären galt. Heute wirkt das Schild wie bittere Ironie.

Fliegende Händler bieten im Lager Crackportionen feil

Die Albanerinnen, die auf dem Boulevard spazieren, tragen Miniröcke und Plastikpumps mit zentimeterhohen Plateausohlen - wegen des Drecks. Am anderen Ende des Boulevards, kaum 500 Meter weiter, beim Palast des Präsidenten, herrscht noch ein wenig Totalitarismus. Ein krummbeiniger Wachsoldat wedelt herrisch mit seinem Gewehr: Vor dem Amtssitz des Präsidenten muß jeder runter vom Bürgersteig.

Boulevard der Märtyrer: Aus dem Park, an dem er hinter dem Präsidentenpalast endet, kommen junge Mädchen. Sie gehen Arm in Arm. Strickjacken haben sie an, Wollstrümpfe und geflickte Hosen. Aber nicht alle. Andere, in Jeans, wattierten Regenjacken und Nike-Air-Sportschuhen, könnten genausogut in Berlin oder Paris flanieren. Sie sind, ob arm oder reich, Kosovarinnen, Flüchtlinge. Sie kommen aus dem Lager, das die Regierung im Schwimmbad im Park eingerichtet hat. Die albanischen Männer betrachten sie mit begehrlichen Blicken. Und die langhaarigen Herren mit den schweren Goldkettchen sehen die Flüchtlingsmädchen als neue Ware für ihre Bordelle in Hamburg und Wien an. Die Mafia beherrscht den Boulevard.

Über dem Lager liegt der Geruch von Cholera. Im Sprungturmbecken steht noch etwas Wasser, eine braune Brühe vom vergangenen Sommer. Der Sprungturm ist zum sozialen Mittelpunkt des Camps geworden. Ein paar Händler nutzen ihn als Marktplatz. Einer verkauft unter dem Dreierbrett Tabak. Ein anderer mustert, lässig an die Treppe gelehnt, die Flüchtlinge, sucht nach Reicheren, die sich seine Ware leisten können, Crack, das Gossen-Kokain. Manche der jungen Kosovaren raufen sich auf den Sprungbrettern. Andere stehen nur herum. Wenn es nicht regnet, spielen sie nebenan in dem leeren 50Meter-Becken Fußball.

Die Zelte stehen dicht an dicht. Hier in Tirana hat die albanische Armee selber Hilfe geleistet. Ihre Zelte, grüne Bahnen, die kaum noch das Wasser abhalten und die nicht einmal 1,50 Meter hoch sind, beherbergen 3000 Flüchtlinge. 150 Zelte, jeweils für 20 Menschen. Drinnen hocken sie nur beim Essen zusammen. Wer laufen kann, geht raus. Zu den Toiletten, zum Sprungturm oder auf den Boulevard.