Der Vater schrieb 1943 den Text der Nationalhymne der UdSSR, "Die Union ist unzerstörbar." Der Sohn drehte 1997 einen Film zur Ehre der Junker, der Eliteoffiziere Zar Alexanders III. So ändern sich in Rußland die Zeiten.

Am 10. März hat die von Kommunisten und Nationalisten gebildete Mehrheit der Staatsduma dafür gestimmt, die von Jelzin abgeschaffte alte sowjetische Nationalhymne wiedereinzuführen. Die pathetische und emotional aufgeladene Musik ist wieder gefragt, und ein neuer Text läßt sich finden. Gute zwei Wochen zuvor hatte Nikita Michalkows Film Der Barbier von Sibirien Premiere. Ein russischer Fall von Titanic ? Oder gar ein russischer Spielberg? Zur Premiere war alles, was Rang und Namen hat, in einem 5000 Personen fassenden Saal des Kreml erschienen, Primakow, Tschernomyrdin, Sjuganow und Gorbatschow zum Beispiel. Der Eintritt belief sich auf 700 Dollar. Aus Deutschland war eine spezielle Leinwand eingeflogen worden, und nach der Vorstellung gab es ein grandioses Feuerwerk - genau wie in Michalkows Film. Seit langem hatte es nicht so eine phantastische Nacht im Kreml gegeben, der Regisseur Michalkow, der selbst auch den Zaren spielte, war für einen Abend der König.

Rund 45 Millionen Dollar hat Michalkows Melodram verschlungen: das Jahresbudget der Russischen Föderation für die gesamte russische Filmproduktion (12 bis 13 Millionen Rubel), den Rest zahlten Sponsoren, an erster Stelle Frankreich. "Das Rußland, das wir verloren haben." - "Der Film eines Patrioten, den alle Patrioten sehen müssen." - "Wir sind genauso wie die im Film." - "So ist das russische Volk wirklich, so sind russische Charaktere wirklich." - "Ich lernte durch den Film, Rußland zu lieben." - "Michalkow hat den Glauben an die russische Armee neu erweckt." So und ähnlich lauten die Kommentare der Kinozuschauer, vor allem der begeisterten Jugendlichen. 75 Prozent der Zuschauer waren laut Umfragen während der ersten Vorstellungen mit Michalkows Rußlandbild einverstanden, und 59 Prozent der Zuschauer gestanden, der Film habe sie zum Weinen gebracht. 150 Rubel kostet der Eintritt, später soll er billiger werden. Ein bei der Russischen Akademie der Wissenschaften angestellter Forscher verdient monatlich 800 Rubel.

Michalkow, der schon an die 30 Filme gedreht hat, in denen er auch als Schauspieler auftritt, ist einer der möglichen Kandidaten für die Nachfolge Jelzins als Präsident der Russischen Föderation. Für seinen neuesten Film zog er sich die Uniform Zar Alexanders III. an, um in eigener Person die Ehre jenes Rußland, das verlorenging, zu verkörpern. Hat er den Film gemacht, um sich als Präsidentschaftskandidat zu empfehlen? Oder simuliert er den Anspruch auf den Präsidentenposten, um das Interesse an seinem Film zu wecken? Die Frage wird von der Presse gestellt, sie beschäftigt die russische Öffentlichkeit. Daß es Michalkow auf den amerikanischen Oscarabgesehen hat, steht außer Zweifel. Weite Passagen des Films werden bereits auf englisch gesprochen, was der Verbreitung des Films nützlich ist. Wer von den Offizieren und der Elite im Rußland Alexanders III. (er regierte von 1881 bis 1894) jedoch Englisch gesprochen oder auch nur verstanden hat, ist eine andere Frage. Noch im Ersten Weltkrieg tat sich Rußland schwer, genügend mit dem Englischen vertraute Übersetzer für die Verhandlungen mit den Alliierten zu finden. Im Film sprechen selbst Eisenbahnschaffner und Gefängnisaufseher Englisch - und das alles, um sich auf dem Niveau der amerikanischen Heldin des Films zu bewegen.

Die Story des Films ist banal, ihre Symbolik simpel. Eine kokette junge Amerikanerin (gespielt von Julia Ormond) lernt einen unerfahrenen, jungen russischen Adeligen namens Tolstoj kennen, der soeben seine Offiziersausbildung im Junker-Korps Zar Alexanders III. abschließt. Er verliebt sich in sie. Während einer Aufführung von Mozarts Figaro durch die Junker im Hoftheater, bei der auch der Bruder des Zaren mitwirkt, entdeckt Tolstoj, daß sie mit einem russischen General flirtet. Aus Eifersucht will er den General töten, dieser rächt sich, indem er Tolstoj des Mordversuchs am Bruder des Zaren bezichtigt. Um den Ruf der Amerikanerin zu schützen, schweigt Tolstoj vornehm und läßt sich als schuldig nach Sibirien verbannen. Die Amerikanerin versteht auf einmal, "was der russische Charakter ist".

Zehn Jahre später sucht sie den Geliebten in Sibirien auf. Sie ist inzwischen mit einem amerikanischen Industriellen verheiratet, der sein Geld mit eigens für Sibirien bestimmten Maschinen zum Holzfällen (Markenname "Barbier von Sibirien") macht. In den weiten Wäldern Sibiriens, zwischen der Taiga und den breiten Flüssen - die Kamera singt eine Hymne auf die Schönheit des ewigen Rußland -, ist Tolstoj mit einer Frau "aus dem Volk" zu Hause: Dunjaschka, die Kammerzofe seiner Mutter, ist ihm aus wahrer Liebe nach Sibirien gefolgt, hier leben sie mit ihren Kindern in Frieden. Tolstoj ist, wie an seiner Holzhütte zu lesen steht, als Barbier tätig. Der Barbier von Sevilla (die Anspielung auf seine Rolle als Figaro im Hoftheater) und der Barbier von Sibirien wurden eins. Zwanzig Jahre nach ihrer Liebesaffäre erzählt die Amerikanerin ihrem in der amerikanischen Armee dienenden Sohn ihre, das heißt seine Geschichte: Er ist Tolstojs Sohn. "Er ist ein Russe, und das will viel bedeuten", so charakterisiert der amerikanische Korporal den Sohn. Michalkows Resümee steht am Ende des Films auf der Leinwand zu lesen: "Der Film ist der Ehre des russischen Offizierstums gewidmet."

Der Film ist laut, der Film ist plakativ. Die historischen Kostüme stimmen bis ins letzte Detail. Doch damit allein läßt sich keine historische Vergangenheit rekonstruieren. Und trotz höchstem Professionalismus ist der Film kein Kunstwerk. Die Antipoden - die unehrenhafte Amerikanerin, der ehrenhafte russische "Junker" - sind kitschige Schablonen. Der historische Zar Alexander III. glänzte geradezu durch eine äußerst reaktionäre, nationalistische Politik; daß sich der Enthusiasmus des jungen Offizierskorps, sich für Ehre und Vaterland zu opfern, ausgerechnet an seiner Person festmacht, kann nicht überzeugen, auch wenn er in Gestalt Michalkows auf einem edlen Schimmel majestätisch über den großen Platz des Kreml reitet, an der Uspenskij-Kathedrale vorbei.