Klaus Pinkau hat Grund zur Sorge: Seit 18 Jahren steht er an der Spitze des größten europäischen Kernfusionsforschungszentrums, des Garchinger Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP), doch ausgerechnet jetzt, da er emeritiert wird, muß er um die Früchte seiner Arbeit bangen. In der kommenden Woche werden sie ihn zwar in Festkolloquien feiern, den brillanten Physiker und Forschungsmanager. Doch "Der internationale Weg zur Fusion", wie einer der Festvorträge lautet, ist beileibe nicht dazu angetan, dem Gefeierten Freude zu bereiten.

Auch nach 40 Jahren Forschung und vie- len Milliarden an Steuergeldern ist noch immer nicht absehbar, ob die Fusion, die kontrollierte Verschmelzung, von Wasserstoffkernen jemals Strom liefern wird. Optimisten rechnen damit in 30 bis 50 Jahren. Da von Zeitspannen dieser Größenordnung aber schon seit Jahrzehnten geredet wird (Zyniker sprechen bereits von der "Fusionskonstante"), ist die öffentliche Begeisterung nahezu am Nullpunkt angelangt.

Schuld daran ist allerdings nicht etwa die rot-grüne Bundesregierung, sondern gewissermaßen höhere Gewalt in Gestalt des US-Kongresses. Dieser trat in den vergangenen Jahren immer stärker auf die Bremse: Von 1995 bis 1998 wurde das nationale amerikanische Fusionsbudget um satte 30 Prozent gekürzt. Im vergangenen Oktober schließlich wies der Kongreß das Energieministerium an, sich bis Mitte dieses Jahres aus dem geplanten International Thermonuclear Experimental Reactor (Iter) zurückzuziehen.

Zehn Milliarden Dollar für die erste positive Energiebilanz

Dabei ist Iter das Traumprojekt der Fusionsgemeinde. Der Reaktor vom Typ Tokamak sollte aus einem ringförmigen Gefäß bestehen, in dem ein Gemisch aus den Wasserstoffisotopen Deuterium und Tritium zu einem 140 Millionen Grad heißen Plasma aufgeheizt wird. Gehalten von gewaltigen Magnetfeldern soll in diesem Höllenfeuer - wie in der Sonne - die Verschmelzung von Wasserstoff- zu Heliumkernen stattfinden, wobei Energie und Neutronen frei würden. In seinem Aufbau entspräche Iter dem derzeit größten Versuchsreaktor Jet (Joint European Torus), der nun im englischen Culham ans Ende seiner Laufzeit gelangt. Im Unterschied zu Jet soll Iter aber mehr Energie freisetzen, als zur Heizung des Plasmas aufgewandt werden muß. Seine Energiebilanz wäre erstmals positiv.

Iter wäre sogar groß genug, um zu "zünden": Das fusionierende Plasma würde sich selbst auf Temperatur halten und ohne externe Heizung eigenständig "brennen". Strom würde Iter zwar keinen produzieren, aber mit 1500 Megawatt Fusionsleistung hätte er Kraftwerksdimension und wäre damit die Vorstufe eines stromerzeugenden Prototypen. Die Kosten der gigantischen Apparatur: rund zehn Milliarden Dollar.

Solche Summen sprengen jedes nationale Budget. Daher hatten die USA, Europa, Japan und die damalige Sowjetunion schon 1988 Iter als Gemeinschaftsprojekt beschlossen. Nach zehnjähriger Planung hätte 1998 der Baubeschluß stehen sollen, doch nach dem Rückzug der USA ist das Projekt vorerst gescheitert.