Krieg und Kunst, unerschöpfliches Thema. Aufgestanden ist er, welcher lange schlief ... in der Dämmrung steht er, groß und unerkannt, und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand ... Das war der Erste Weltkrieg. Dann kamen die Stahlgewitter, es kamen Remarque, Renn, Hemingway, Nekrassow, Böll und Borchert, es kamen die Schützengräben von Stalingrad und Hiroshima mon amour, und dann kam auch schon bald Peter Handke. Während die Kollegen im jugoslawischen Kriegsgebiet, während Susan Sontag, Juan Goytisolo nach Art der reisenden Handwerker des Tagesjournalismus die zerstörten Dörfer und die Konzentrationslager zählten, Zeugen befragten und Leidensgeschichten rapportierten, bereiste Handke ein geschichtsloses Abseits, verwechselte die serbische Mangelwirtschaft mit vorzivilisatorischer Ursprünglichkeit, Serbien mit dem neunten Land der Poesie und die bosnischen Serben, die von den Bergen auf Sarajevo schossen, mit den um ihre Freiheit kämpfenden Indianern.

Dichter, um das zu verstehen, braucht es nicht den zum serbischen Ritter geschlagenen Peter Handke, sind im Völkerschlachtgebiet nicht gut aufgehoben. Die Literarisierung des Krieges durch schriftstellernde Reporter ist noch selten geglückt. Zum Schreiben, zum Dichten gar, braucht der Dichter vielleicht nicht das Abseits, aber doch die Etappe.

Goytisolos neuer Roman Das Manuskript von Sarajevo weicht dem Problem, keine neue Sprache für die neuen Kriege zu haben, ebenfalls aus. Diesmal nicht in eine Rhetorik des Notstands, sondern in eine postmoderne Rabulistik, die sich so weit von ihrem realen Gegenstand, der Belagerung Sarajevos, entfernt, daß diese hinter dem Sicherheitskorridor der Fiktionalisierungen und der Fiktionalisierungen des Fiktionalisierten kaum noch zu erkennen ist.

Worum es in jenem "Manuskript aus Sarajevo" geht, das ein spanischer Dichter "J. G." hinterläßt, der in seinem Hotelzimmer in der belagerten Stadt erschossen wird, bleibt annähernd 200 Seiten lang der Vorwand für ein kompliziertes Ratespiel mit vielen Unbekannten. Nichts in diesem Labyrinth ist, was es scheint, alles verweist auf etwas anderes, ist es selbst und ein anderes zugleich. So kommt es, daß der Dichter J. G., dessen Leiche auf mysteriöse Weise verschwindet, irgendwie auch ein gewisser Ben Sidi Abu al-Fadail, sufischer Gelehrte und halbvergessener Heiliger ist, dessen Schriften über die "almohadische Kapitale" beim Brand der Bibliothek verlorengingen und irgendwie in Gestalt des Manuskripts von Sarajevo wiederauferstehen, sofern nicht beides irgendwie auch Erfindungen eines "polyglotten Salons" sind, der seinerseits den Geheimnissen der sich wundersam vermehrenden Manuskripte des Romans auf der Spur ist, wie überhaupt ganze Teile des Romans, wie sich später herausstellt, aus der Feder von Romanfiguren stammen, die ihrerseits Erfindungen anderer Erzählerfiguren gewesen sein könnten, sofern diese nicht ihrerseits in diesem unendlichen Spiegellabyrinth nur der Reflex einer anderen Figur ... und so weiter. So kommt es auch, daß Sarajevo (das übrigens außer im deutschen Titel, der spanische heißt El sitio de los sitios , nirgends beim Namen genannt wird) einerseits an das mittelalterliche Toledo erinnert, andererseits aber auch irgendwie Paris ist, in dem die Bewohner des Viertels zwischen den Metrostationen Montmartre, Bonne Nouvelle, Strasbourg-Saint-Denis, Sentier und Réaumur-Sébastopol eingesperrt und von Heckenschützen beschossen werden, ohne daß der Rest der Stadt Notiz davon nimmt.

Die belagerte Stadt als intertextueller Mummenschanz

Aus welchem Grund Goytisolo ausgerechnet Sarajevo zum Ort dieses gelehrten intertextuellen Mummenschanzes gemacht hat, bleibt bis zum Schluß das größte Rätsel. Augenscheinlich ist lediglich das triviale Katastrophen-Vokabular, das zur Beschreibung des Elends der sterbenden Stadt herhalten muß. Maschinengewehrsalven zerreißen die "zarte Stille mit ihrem peitschenden Geknall", die Belagerung, "eine Strafe Gottes", "schreit nach Rache", der Himmel über der Stadt ist "gespeist von der Asche unseres Unterganges", der Rauch, der aufsteigt, ist "so satt wie aus den Schornsteinen der Vernichtungslager". Der Kitsch der Kriegsprosa, so scheint es, soll die Dringlichkeit zurückbringen, die der Roman durch seine leerlaufende Kunstfertigkeit verloren hat.

Der Verdacht, daß Sarajevo gar nicht mehr der Gegenstand, sondern das schlechte Gewissen dieses Romans ist, daß somit der Krieg auch nicht sein Thema, sondern seine Garnitur abgibt, ist nicht völlig abwegig. Vielleicht ist es für einen Roman aber auch einfach nur zuviel verlangt, sich auf den Höhen der avanciertesten Intertextualität und im Kessel von Sarajevo zugleich aufzuhalten. Hierfür spricht, daß die bewegenden Beispiele der Literatur über Sarajevo bisher alle von eher dokumentarischer Eindringlichkeit und trockener Trauer waren.