Die Physikprofessorin Dagmar Schipanski ist zu neu auf dem politischen Schlachtfeld, als daß pure Taktik und nacktes Kalkül sie nicht kränken müßten. Aber solche Motive waren es, die die CDU-Oberen bewogen, sie, die Frau aus dem Osten, zur Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl zu küren. Da sie beherzt ist, machte sie gute Miene zum gnadenlosen Spiel. Dabei wirkt sie wie jemand, der - frei nach Christian Meier - "mit Pfeil und Bogen an einer Panzerschlacht teilnehmen will". Ihr Mann, ein mit Humor gesegneter Balte, hat das bald erkannt. "Man hat uns vorher zwar alles gesagt", resümiert er ironisch, "aber ob wir alles verstanden haben, ist eine andere Frage."

Um größere Verwundungen bei seiner Kandidatin zu vermeiden, hat Wolfgang Schäuble für einen erfahrenen Berater gesorgt - den ehemaligen Staatssekretär Wighard Härdtl. In 30 Bonner Jahren wurde er mit allen politischen Wassern gewaschen. Nun hat er die Aufgabe, die Fettnäpfchen aus dem Weg zu räumen, die der Kandidatin von arglistigen Händen in den Weg gestellt werden. Die CDU hat ihren Fehlgriff bei der Präsidentenwahl l994 nicht vergessen, als sie schon einmal mit einem Ossi punkten wollte. Aber der sächsische Kirchenjurist Steffen Heitmann, auf den Helmut Kohl sich versteift hatte, fand den angemessenen Ton nicht, redete vielmehr wie ein Privatmann aus der ostdeutschen Nische und mußte schnell zurückgezogen werden.

Anders bei der PDS. Da wackelte sie nicht, als ihre Aufforderung, im Umgang mit der SED-Nachfolgepartei "nicht auszugrenzen, sondern abzugrenzen", "nicht zusammenzuar-beiten, sondern sich auseinanderzusetzen", böswillig mißverstanden wurde. Scharfmacher in CDU und CSU, die sich durch die Ostfrau offensichtlich gestört fühlten, erweckten den Eindruck, als müßte Dagmar Schipanski mühsam am Rock zurückgehalten werden, um sich nicht in die Arme der PDS zu stürzen. Das machte sie fassungslos. Daß auch Journalisten - "bar aller Fakten" - ihr unterstellt haben, sie sei bereit, mit der PDS zu paktieren, entsetzte sie noch mehr, verriet es doch völlige Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Ostbiographie. Tatsächlich ist sie davon überzeugt: "Wer sich mit der PDS einläßt, kann nichts gewinnen."

Ihre Abneigung gegen rot-rote Koalitionen sitzt tief

Bis heute wird sie von den alten SED-Kadern angefeindet, auch in ihrer engeren Thüringer Heimat, denn: "Rote Socken mögen nicht, wenn jemand anderer als die PDS versucht, für die Ossis zu sprechen." Hinter den An-sprüchen der PDS argwöhnt Dagmar Schipanski den alten Führungsanspruch der SED, ein Verdacht, der bei ihr kaum Grenzen kennt. Entsprechend tief sitzt ihre Abneigung gegen die rot-rote Regierung in Mecklenburg-Vorpommern. Die Westdeutschen, die das nicht verstehen, findet sie naiv, über deren Harmlosigkeit schüttelt sie den Kopf. Die PDS ausgrenzen will sie dennoch nicht. Der CDU empfiehlt sie statt dessen, sich zu fragen, warum sich so viele Menschen in den neuen Ländern von der PDS angesprochen fühlen. In Ilmenau, ihrer Heimatstadt im Thüringer Wald, kennt sie eine Klasse von Schulabgängern, die bei der Bundestagswahl zu 50 Prozent PDS gewählt haben. Sollen diese 20jährigen ausgegrenzt werden?

Frau Professor ist eigenwillig. Ihr Adlatus Härdtl und seine Helfer in der CDU-Parteizentrale entdecken bei dieser Gelegenheit plötzlich, daß Naturwissenschaftler eine Sorte Mensch sind, die ihnen bisher verborgen geblieben ist. Mitunter sprechen sie von der Kandidatin, als sei sie ein alien, ein extraterrestrisches Wesen, für das nur Eingeweihte den Code kennen. "Sie hört zu", sagt Härdtl fasziniert, "sie denkt nach, und sie macht keinen Fehler zweimal." Das Erstaunen ist echt: Bei Dagmar Schipanski muß mit Verstand gerechnet werden.

Ihre kulturelle Andersartigkeit hat einen Reiz, der seine Wirkung auch auf das breitere Publikum nicht verfehlt. Sie ist zwar "mit beiden Beinen in Deutschland angekommen" (Wolfgang Schäuble) und fremdelt nicht, aber sie hat den anderen Blick, den Ost-West-Blick, noch nicht verloren, der für Westdeutsche immer noch überraschend und gewinnbringend sein kann. Wenn sie ihre Vorliebe für Runde Tische und überparteiliche Initiativen erklärt, die Skeptiker im Handumdrehen als Verletzung der Parteienkonkurrenz deuten, schlägt ihr beim normalen Publikum Sympathie entgegen.