1933, noch als Medizinstudent, hatte er seinen Verlag gegründet, im Zeichen des Vogels Strauß, der die härtesten Nüsse knackt. Daß der Sohn des liberalen Ökonomen und ersten Staatspräsidenten nach dem Krieg, Luigi Einaudi, im antifaschistischen Widerstand Kommunist wurde, paßt zur Turiner Tradition eines kämpferischen Liberalismus. Einige der wichtigsten Autoren der italienischen Nachkriegsliteratur haben als Lektoren unter Giulio Einaudi gearbeitet und gelitten: Carlo Levi, Italo Calvino, Elio Vittorini, Cesare Pavese, Leone und Natalia Ginzburg. "Fürst Giulio", der Verleger, las kein Manuskript je zu Ende. Er roch auf den ersten Seiten, was es taugte und ob es ihm paßte. Den Leoparden Tommaso di Lampedusas hat er souverän abgelehnt. Giulios aufgeklärter Absolutismus hatte ein Pendant in der autoritären Hand, mit der Palmiro Togliatti die kommunistische Massenpartei auf den Weg einer demokratischen Linken sui generis führte. Die posthumen Schriften des idealistischen Marxisten Antonio Gramsci ließ er bei Einaudi erscheinen; sie prägten für drei Jahrzehnte den Kanon der kritischen Intelligenz. Die auch handwerklich edlen Einaudi-Bücher verkörperten für Italien eine "klassische" Moderne, hier konnte sich der skeptische Liberalismus eines Norberto Bobbio mit Linkskatholizismus und Eurokommunismus treffen und streiten. Nicht in diesen Kanon paßten Nietzsche oder Freud, Popper oder Hannah Arendt. Doch auch deren italienische Verleger hatten zuvor unter Einaudi gedient - wie überhaupt die Mehrheit der Lektoren, die in Italien etwas taugen. Daß dann am Ende Einaudis Verlag von Silvio Berlusconis Mondadori-Konzern aufgekauft wurde, ist eine bittere Ironie der Kulturgeschichte.