Ob sich der Bürger im zukünftigen Dienstleistungszentrum Köln oder Münster wohler fühlen wird als beim traditionsreichen Landschaftsverband, ist aber nicht ausgemacht. Daß historisch gewachsene Instanzen mit Traditionsnamen sich größerer Beliebtheit erfreuen als so manche Kopfgeburt, haben längst diverse Gebietsreformen gezeigt.

Die beiden Landschaftsverbände, die zur Disposition stehen, argumentieren zudem nicht grundlos, sie seien schon immer gewesen, was die Landesregierung anstrebe: Dienstleistungszentrum. Sie erledigen als verlängerter Arm von Städten, Kreisen und Gemeinden übergreifende kommunale Dienstleistungen. Die psychiatrische Betreuung, die Versorgung Behinderter oder der Unterhalt von Blindenschulen ist eigentlich Aufgabe der Kommunen. Weil sich der Unterhalt einer eigenen Psychiatrieklinik für die meisten Kommunen gar nicht lohnte, liegt die überregionale Aufgabenabwicklung nahe. Eine Rekommunalisierung wäre gar nicht sinnvoll.

Ähnliches gilt für Bereiche, in denen die Landschaftsverbände Dienstleister für Land und Bund sind wie im Straßenbau. Auch der soll von den neuen Dienstleistungszentren wahrgenommen werden. Für Esser "ökonomischer Unsinn". Straßenplanung und -bau würden dann von fünf verschiedenen Stellen aus gesteuert. Oder sogar von sechs. Denn Clements grüner Koalitionspartner möchte noch einen sechsten, durchaus naheliegenden Regierungsbezirk schaffen: für das Ruhrgebiet, das derzeit von drei Regierungsbezirken verwaltet wird.

Daß der Straßenbau teurer wird, wenn er von den Landschaftsverbänden abgezogen wird, steht wohl fest. Ein Gutachten der Unternehmensberatung Kienbaum in Düsseldorf ermittelte jährliche Mehrkosten von fast 50 Millionen Mark. Und wenn Sozialaufgaben der Landschaftsverbände direkt auf die Kommunen übertragen würden, müßten die erst Sachverstand aufbauen und dafür Personal rekrutieren. Das kann kaum Zweck einer Strukturreform sein.

Dennoch ist unstrittig, daß der Behördendschungel an Rhein und Ruhr gelichtet werden muß. Sich jedoch zuallererst an den Landschaftsverbänden zu vergreifen, dürfte eine Fehleinschätzung des Ministerpräsidenten gewesen sein, zumal diese längst selbst eigene Vorschläge für ihre Modernisierung erarbeitet haben. Übersehen wird auch, daß sie im Gegensatz zu den Regierungsbezirken von unten demokratisch legitimiert sind. Denn sie werden von gewählten politischen Vertretungen der Städte, Gemeinden und Kreise mitverwaltet. Und daß es dabei bleibt, dafür will Landesdirektor Esser "bis zum Umfallen kämpfen".

Möglicherweise wird eher die Landesregierung umfallen und einlenken. In den sozialdemokratisch beherrschten Kommunen, dem Rückgrat der Landes-SPD, formiert sich Widerstand gegen Clements Hauruckvorgehen. Und Laurenz Meyer von der CDU, Clements Gegenkandidat bei der Landtagswahl im kommenden Jahr, hat die Reformpläne als willkommene Wahlkampfmunition aufgegriffen, um sich auf den Macher Clement einzuschießen. Sogar die Wirtschaft, die sonst keine Gelegenheit ausläßt, sich über zuviel Verwaltung zu beklagen, macht mobil. Weil Clement den Gemeinden größeren Spielraum für privatwirtschaftliche Tätigkeiten einräumen will, droht kleinen und mittleren Betrieben Konkurrenz.

So könnte eine gutgemeinte und auch notwendige Verwaltungsreform scheitern, noch ehe sie richtig begonnen wird. Daran wäre aber der Ministerpräsident selbst schuld. Er hätte wissen müssen, daß sich eine Verwaltungsstrukturreform nicht erzwingen läßt, schon gar nicht von oben und gegen die Beschäftigten. Es geht auch anders, wie die Modernisierung der Landesverwaltung in Schleswig-Holstein gezeigt hat. Ministerpräsidentin Heide Simonis hat ihre Reform von unten her mit Beteiligung der Beschäftigten eingeleitet und so konstruktive Mitgestalter gewonnen. Die in NRW versäumte Diskussion soll jetzt nachgeholt werden, zumal die Grünen sich auf ihre Schutzfunktion gegenüber den Beschäftigten besonnen haben. Ihr Landesvorstandssprecher Rainer Priggen: "Schnellschüsse wird es nicht geben."