In Bagdad leitete Adnan H. ein Nobelhotel - bis vor knapp zwei Jahren, als er sich vor dem irakischen Regime nach Deutschland rettete. Heute wohnt der 42jährige Manager in einer Münchner Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber. "Längst könnte ich arbeiten", seufzt er. Eine Pension wollte ihn anstellen, ein Dreisternehotel hätte ihn gern engagiert. Anspruchsvoll ist Adnan H. nicht, er sehnt sich nach einer Aufgabe. Weil er fünf Sprachen beherrscht, übersetzt er ab und an ehrenamtlich in einer Flüchtlingsberatungsstelle. Offiziell arbeiten darf er nicht. Sein Pech: Er kam einen Monat zu spät nach Deutschland.

Asylbewerber und geduldete Flüchtlinge, die nach dem 15. Mai 1997 eingereist sind, unterliegen einem allgemeinen Arbeitsverbot. Auch die Vertriebenen aus dem Kosovo, die nun vorübergehend ins Land kommen, sind davon betroffen. Bis Anfang der neunziger Jahre hatten für Asylsuchende verschiedene Wartezeiten gegolten. Damit wollte man Wirtschaftsflüchtlinge abschrecken. Doch die "Flüchtlingsströme" aus krisengebeutelten Regionen versiegten nicht. Die Folgen des zeitweiligen Arbeitsverbots beschreibt der Politologe Franz Nuscheler so: "Es zwang die Asylbewerber zum Nichtstun und Herumlungern, was in der Öffentlichkeit das Vorurteil des Parasitentums auf Kosten der Steuerzahler verstärkte."

Der Bundestag hob die Wartefrist im Arbeitsrecht im Juli 1991 auf und forderte, "den Asylbewerbern und ihren Familien so früh wie möglich den Zugang zum Arbeitsmarkt zu öffnen, um die Sozialkassen zu entlasten". Ein Jahr später wurde auch das Verbot im Asylrecht gestrichen. Fortan prüften die Arbeitsämter im Einzelfall, ob bevorrechtigte Arbeitnehmer - vor allem Deutsche und EU-Ausländer - für eine Stelle zur Verfügung standen. Wenn nicht, wurde dem Flüchtling nach vier Wochen erlaubt, den Job anzutreten.

Mit der Einführung des unbefristeten Arbeitsverbots im Mai 1997 war das vorbei. Der damalige Arbeitsminister Norbert Blüm entschied: Weitere Zugänge von Ausländern seien nicht verkraftbar. Gerade Flüchtlinge machten den Arbeitgebern große Zugeständnisse, es drohe eine Ausweitung von Billigjobs, so die Argumentation. Fast drei Viertel der Asylbewerber seien schließlich potentielle Konkurrenten auf dem deutschen Arbeitsmarkt. "So könnten wir nie zu Lohnsteigerungen im Niedriglohnsektor kommen", sagt Dieter Restle, Referatsleiter für Ausländerbeschäftigung im Arbeitsministerium. "Kein Deutscher wäre je bereit, einfache Hilfstätigkeiten zu verrichten." Und gerade das wollte man erreichen.

Die Arbeitsämter sollten noch gezielter Deutsche und EU-Ausländer vermitteln - "unter strikter Anwendung der Zumutbarkeitsbestimmungen", die im April 1997 verschärft wurden. Eines der Ziele: Die Hälfte der Erntehelfer sollte zur Jahrtausendwende aus Inländern bestehen. Doch die Vermittelten flohen zuhauf gleich nach dem ersten Tag von Spargelfeldern und Weinhängen. Wegen des großen Bedarfs mußten 8000 Saisonarbeitskräfte mehr als im Jahr zuvor aus Mittel- und Osteuropa kommen. Die Höchstquote der Wanderarbeiter liegt heute nicht bei 50, sondern noch immer bei 85 Prozent.

Dennoch sieht das nun von Walter Riester geführte Arbeitsministerium "momentan leider keine Möglichkeit, vom Arbeitsverbot abzugehen". Auf den ersten Blick leuchten die Argumente dafür ein: 80 Prozent der arbeitslosen Ausländer haben keine Ausbildung. Und der Bedarf an Ungelernten sinkt. Doch durch die Aufhebung des Arbeitsverbots für Asylbewerber würde das Gebot der Arbeitsmarktentlastung keineswegs "konterkariert" wie behauptet. Wie einst müßten Sachbearbeiter vier Wochen lang prüfen, ob sich Bevorrechtigte für eine Stelle finden.

Ohnehin bekommen fast drei Viertel aller ausländischen Antragsteller nur deshalb Arbeitsgenehmigungen, weil Deutsche oder EU-Ausländer nicht zur Verfügung stehen. Seit Jahren ist der Anteil dieser "arbeitsmarktabhängigen" Erlaubnisse gleich - trotz wachsender Erwerbslosigkeit. In Land- und Forstwirtschaft blieben Anfang des Jahres über 50 000 Stellen offen. Die "Verdrängungsthese" - Asylbewerber versus Bevorrechtigte - hat sich nicht bestätigt. Arbeitsmarktforscher Elmar Hönekopp vom Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB) in Nürnberg: "Die realen Konkurrenzverhältnisse durch Asylbewerber sind verschwindend gering. Warum soll da der Staat bezahlen, wenn sie selbst arbeiten wollen?" Migranten können gar eine konjunkturelle Pufferfunktion erfüllen. Und die Lohnentwicklung, stellte das IAB fest, werde durch den Zugang von Migranten nicht sonderlich beeinflußt.