Die Verlorene: Eine Frau namens Karen, Anfang 40 vielleicht, streunt durch die Stadt. Sie betritt einen Spielzeugladen; dort wird gerade das "Glücksrad" in Gang gesetzt. Ihr Blick ist abwesend und suchend zugleich. Sie fährt auf einem Pferdewagen durch den Frühling, als wäre es ihr erster überhaupt. In einem besseren Restaurant fragt sie sofort nach Garnelen, bevor sich herausstellt, daß sie sich gerade noch einen Salat und ein Mineralwasser leisten kann.

Als Karen zu essen beginnt, kommt es schräg gegenüber zu einem kleinen Eklat. Ein offenbar behinderter junger Mann wirft mit Besteck und Speisen um sich, ein anderer beginnt haltlos zu weinen. Eine Betreuerin versucht, die beiden ruhig aus dem Lokal zu führen, doch der Spastiker hält sich an Karen fest. Sie sieht ihn freundlich an, erschrickt nicht, läßt sich hinaus und in ein Taxi zerren. Während der Fahrt entspannen sich die Gesichtszüge der "Idioten" und der "Betreuerin". Sie müssen lachen. Der ganze Auftritt war nur ein Spiel. Nur Karen lacht nicht. Sie versteht noch nicht, wohin dieses Spiel führen soll; doch sie fährt mit.

In einem Haus in der Vorstadt haben sie sich versammelt, um die "normale Gesellschaft" und sich selbst auf die Probe zu stellen. Sie nehmen Gestus und Sprechweise von geistig Behinderten an, inszenieren peinliche Begegnungen mit der Außenwelt und greifen gierig nach jedem Vorurteil, jedem unterdrückten Ekelgefühl, das sie solcherart hervorlocken können. Das nennen sie spassen . Dieser Ausdruck vermittelt - zumindest für deutschsprachige Hörer und Seher - schon viel von der Anmutung des gesamten Films: Das Spastische und der Spaß, der Wahn und der Witz, sind hier auf beunruhigende Weise miteinander verknüpft. Auch die im Klang von spassen aufzischende Aggression entspricht dem inszenatorischen Tonfall: unruhige Bewegungen, überraschende Richtungswechsel, körpernahe Bilder, die scheinbar keine maßvolle Distanz kennen.

So wird der dokumentarische Effekt, der schon die (gespielten) Interviews auszeichnet, im Hauptstrang der Erzählung weiter verschärft. Gedreht wie ein Home-Movie, unter Verwendung einer simplen Digitalvideokamera und recht karg in der Tonaufzeichnung, wirkt Idioten manchmal wie die Raubkopie einer besonders fortschrittlichen Gruppentherapie. Freie Psychiatrie mit Neuen Medien.

Nur Idioten stellen heutzutage Dogmen auf. Aber ein paar Dänen haben es dennoch gewagt. Sie sind Filmregisseure, und ihr zehn Regeln umfassendes "Dogma 95" ist durchaus paradox: Es ist ein Keuschheitsgelübde, doch es soll der Befreiung von "überflüssigen Zwängen" dienen. In Thomas Vinterbergs Film Das Fest fand es zum ersten Mal Anwendung, und auch bei Sören Kragh-Jacobsens Komödie Mifune, die auf dem jüngsten Berlinale-Markt Höchstpreise erzielte. Dazwischen entstand Idioten , der reifste, reichste und gewiß aufregendste Film der Reihe.

Wenn Lars von Trier davon spricht, daß man mit Hilfe selbstauferlegter ästhetischer Beschränkungen "den Staub vergangener Tage abschütteln" kann, wird ihm häufig der Vorwurf der Koketterie oder gar des Zynismus zuteil. Wie kann jemand heute allen Ernstes eine "unbelastete" Filmkunst ausrufen? Nach 100 Jahren ist es mit der Unschuld vorbei! Aber genau dieser weit verbreiteten Haltung wegen hat von Trier recht: Das Kino erstarrt im Akademismus. Und es ist völlig unwichtig, ob von Trier sein Dogma der Neuen Unmittelbarkeit "allen Ernstes" betreibt oder nur wie ein semiologisches Experiment. Der Film Idioten bezeugt, wieviel Energie frei werden kann, wenn man sich selbst aus dem Spiel nimmt und ein neues Regelwerk aufstellt.

Zum Teil finden sich solche Energien heute auch bei den ganz jungen Regisseuren, die kein reines Kino mehr anpeilen, sondern die Möglichkeiten der digitalen Kultur für billige, sehr lebendige Bastardfilme nutzen (ein wunderbares Beispiel aus Deutschland: plus-minus null von Eoin Moore). Neue Maschinen bringen neue Bilder hervor. Die heutige Situation erinnert an den Wandel der Filmapparatur um 1960, der erst die Grundlage bot für die ästhetischen Kursgewinne der Nou- velle vague oder den direct cinema -Dokumentarismus der Amerikaner. In solchen Umbruchzeiten verändern sich ja nicht nur die Bilder, sondern es verändert sich auch die allgemeine Vorstellung von Echtheit und Fake: Das realistischeBild wird kenntlich als reine Abmachungssache.