Das 21. Jahrhundert stellt uns vor eine ungewöhnliche Frage: Wird es möglich sein, die Literatur vor der Sprache zu retten? Die Frage erscheint auf den ersten Blick absurd, nicht wahr? Doch sie pocht an unsere Tür. Das neue Jahrtausend und die Epoche des Wassermanns beginnen zweifellos im Zeichen des Ikonischen. Die moderne Kommunikation kürzt über das Zeichen die Wege ab, die die Sprache über Jahrtausende geebnet hat. Die Linearität des geschriebenen und gedruckten Worts ist nicht länger gefragt. Der Mensch wird gewahr, daß sich die geschriebene Sprache durch ihre Linearität von seinen Gedanken und Träumen unterscheidet, die nicht linear sind, die, in ständiger Bewegung begriffen, nach allen Seiten hin ausschlagen und sich verzweigen.

Die Linearität des geschriebenen Worts unterscheidet sich auch von der menschlichen Rede. Die Sprache der Literatur zwängt unsere Gedanken und Träume, Gefühle und Erinnerungen in ein eingleisiges System, das, gelinde gesagt, schwerfällig ist und allzu träge für die Zeit, in der wir leben. Daher sind die Bemühungen um ein nichtlineares Erzählen so etwas wie die Rettung des literarischen Werks vor der Linearität der Sprache. Deshalb erfinden Computer- oder Elektronik-Schriftsteller interaktive Romane, in denen die Sprache aus der Linearität heraustritt und der Leser seine eigene Landkarte des Lesens kreiert. Diesen Weg hat bis zu einem gewissen Grad Cortazar beschritten. Da ich selbst das Bedürfnis nach einer neuen, interaktiven Organisation des Lesens und somit auch des Schreibens meiner Prosa empfand, versuchte ich das Lesen meiner Romane nach dem Prinzip von Wörterbuch, Kreuzworträtsel, Klepsydra und einem Handbuch für das Wahrsagen (Tarockroman) zu organisieren. Das sind natürlich nur wenige Beispiele für ein "nichtlineares Lesen" ein literarisches Verfahren also, das der Linearität der Sprache ausweicht. Seit kurzem existiert auch in China ein dort bereits berühmter Wörterbuchroman, der nach demselben nichtlinearen Prinzip gebaut ist. Der Schwede Peter Cornell hat 1987 einen interaktiven Roman in Fußnoten veröffentlicht (in dem der Text des Romans vom Leser selbst erfunden wird, wobei ihm lediglich die Anmerkungen unter dem Text zur Verfügung stehen).

Wir folgern daher: Es ist nicht wichtig, ob der Computer die Literatur überlebt, sondern ob sich eine bereits verbrauchte Literatursprache ändern und sich der Nichtlinearität der menschlichen Gedanken, Gefühle und Träume annähern kann. Hier befinden wir uns erst am Anfang.

Wenn wir darüber nachdenken und einen Blick auf die Literatur des vergangenen 20. Jahrhunderts werfen, werden wir gewahr, wie viele der Bücher, die wir lieben, in ihm entstanden sind, angefangen von Joyce (Ulysses) und Kafka (Das Schloß und Der Prozeß) bis zu Bulgakov (Der Meister und Margarita) und den Erzählungen von Borges und so vielen anderen, daß wir jedoch in einer Bibliothek des 20. Jahrhunderts den Weg des nichtlinearen Schreibens, der uns aus dem 20. in das 21. Jahrhundert führt, nicht aus den Augen verlieren dürfen, jene Autoren, die Robert Coover in der New York Times (1988) als Vorreiter und Schöpfer des nichtlinearen interaktiven Erzählens aufgeführt hat.

Ich denke an diesen Weg und an seine Bedeutung, wenn ich mich für ein Beispiel des nichtlinearen Erzählens entscheide für das Roman-Haus des Schriftstellers Perec.

Aus dem Serbischen von Bärbel Schulte