Nirmen*, 28 Jahre alt, Muslim und in Mostar zu Hause, ist mit den Ohren bei den Drummern, die im Pavarotti-Musikzentrum gerade auf ihre Trommeln schlagen, während Nirmen an seiner Pizza kaut. "Ich hatte großen Hunger", sagt er unvermittelt. Und dann, beinahe zynisch: "Wenn wir 1993 eine Pizza gehabt hätten, dann hätten wir heute wahrscheinlich ein Stück der kroatischen Küste. Aber wir hatten einfach nichts zu essen."

Nirmen hat seine Stadt im Krieg gegen die Kroaten verteidigt, und es war die Musik, die ihn davor bewahrte, verrückt zu werden. Heute hilft sie ihm, mit seinen traumatischen Erinnerungen fertig zu werden.

Amir arbeitet im Pavarotti-Zentrum, das im Dezember 1997 eröffnet wurde. Luciano Pavarotti hatte den Aufbau der Stätte in einer Ruine im zum Teil noch immer zerstörten Ostmostar, dem bosnischen Teil der Stadt, mit dem Erlös aus zwei Benefizkonzerten in Italien ermöglicht. Das Zentrum stellt Musikern gegen geringes Entgelt professionelle Tonstudios zur Verfügung, bildet Diskjockeys aus, organisiert Workshops in Schulen und Flüchtlingslagern. Es bietet Musik und Tanz als Therapie, als Möglichkeit zur Bewältigung von Traumata, als Chance zur Versöhnung.

Der Brite David Wilson, Mitgründer der Hilfsorganisation War Child, die seit 1994 in Bosnien aktiv ist, leitet das Zentrum. Wilson sagt: "War Child ist wegen seiner Musikprojekte manchmal kritisiert worden. Wir wurden gefragt, warum wir nicht mit Lebensmitteln oder Medikamenten helfen. Ich benutze hier vielleicht ein schreckliches Klischee, aber: Musik ist Nahrung für die Seele, wie Essen Nahrung für den Bauch ist."

Viele Hilfsorganisationen, sagt Wilson, handelten in Kriegsgebieten nach der Devise: Okay, heute bringen wir etwas zu essen hierher, und morgen gehen wir dann nach Ruanda. "Ich will nicht zynisch sein, aber wir haben unsere Arbeit immer in einem größeren Zusammenhang gesehen. Es sollte Hilfe zur Selbsthilfe sein. Wir wollten etwas hinterlassen, auf dem die jungen Leute ihre Zukunft aufbauen können."

War Child hatte während des Krieges eine mobile Bäckerei nach Mostar gebracht und zugleich hier und in Sarajevo in Zusammenarbeit mit dem britischen Musikprofessor Nigel Osborne und Studenten aus Edinburgh und Hannover Musikprojekte organisiert. Brian Eno und David Bowie wurden zu ihren Schutzpatronen. David Wilson war bereits damals in Mostar, er und seine Mitarbeiter versorgten 15 000 Menschen mit Brot, als es nur noch Brennesseln und Gras zu essen gab, und sammelten mit einem Bus Kinder ein, um in Kellern mit ihnen Musik zu machen - immer dann, wenn der Granatenbeschuß nicht zu stark war.

Wilson nennt es einen Protest gegen den Krieg. "Wir sagten uns damals, sie wollen uns zerstören, sie wollen uns entmenschlichen, aber wir sind noch immer Menschen, wir sind noch immer junge Leute. Und wenn wir Musik spielen, dann spielen wir sie laut. An der Demarkationslinie war oft laute Musik zu hören. Das war Teil des Überlebenskampfes. Ich glaube, es ist tief in der menschlichen Psyche verwurzelt, daß man trotz des Horrors weiterleben will. Deshalb haben wir mit den Musik-Workshops schon während des Krieges begonnen. Pavarotti kam erst am Ende einer langen Reise."