Befremdlich sah die Kunst 1962 aus. Wie "das unsinnige Gekritzel eines linkshändigen Kindes" erschien Lothar Schirmer die Zeichnung des Amerikaners Cy Twombly damals, als er sie in einem Düsseldorfer Atelier entdeckte. Er war 17 Jahre alt und einer jener Schüler, die, vom Gymnasium angeödet, nach Abwechslung suchen. Was ihn an dem Blatt mit den ölfarbigen, faserigen Liniengebilden abstieß, zog ihn gleichzeitig an. Aus diesem Widerspruch der Gefühle, das ahnte der Irritierte, konnte ihn nur die direkte Begegnung mit dem Künstler befreien.

"So fuhr ich also nach Rom." Ein vergnügtes Kichern begleitet die Erinnerung an die jugendliche Exkursion zum fürstlichen Palazzo des scheuen Künstlers. Dort erlebte der Knabe griechische und römische Marmorstatuen zwischen Bildern der damals noch ziemlich unbekannten Popgrößen Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Claes Oldenburg, dazu "unerhört schöne Gemälde und Zeichnungen" seines Gastgebers. Versonnen sieht Lothar Schirmer auf die sanften Wellen der Isar und die Rundungen des Ufers fünf Stockwerke unter sich, als wäre da der träge Flußlauf des Tibers.

So also verfällt man dem Sammeln. Doch wie wird man Verleger? "Es gäbe den Verlag nicht, wenn ich nicht durch Twombly und Beuys erlebt hätte, daß mein Geschmack sich mit dem der Allgemeinheit weitgehend deckt." Schirmer wandert zu einem der bücherbeladenen Tische in seinem Arbeitszimmer. "Anfang der siebziger Jahre brach ein unvorstellbarer Run auf Gegenwartskunst aus. Twombly und Beuys wurden fast über Nacht prominent."

Endlich hat er das Schlüsselwort ausgesprochen: Beuys. Wieder waren es besonders "unappetitlich aussehende Objekte", betitelt Bienenkönigin 1, 2, 3, die ihn 1964 auf der documenta in Kassel in ihren Bann zogen. Ein Jahr später pilgerte der Abiturient vom heimatlichen Bremen nach Düsseldorf, der Stadt mit der damals spannendsten Kunstszene in Deutschland. Er traf einen Mann, der seinen Hut auch in der Wohnung nicht abnahm, eine Frau, die ihren Mann mit seinem Nachnamen ansprach, und zwei kleine Kinder, die über einen Fußboden aus Kuhhäuten krabbelten. Und er sah Zeichnungen aus nervösen, fein proportionierten Strichen, auf denen manchmal ein Hirsch auftauchte. Ein Hirsch!

Schirmer rückt an der schwarzrandigen Brille und lacht auf. "Das war damals neben dem trinkenden Mönch das spießbürgerlichste Motiv, das man sich vorstellen konnte." Beuys jedoch hatte "das edle Tier" vom Mief der Engstirnigkeit befreit - "eine Art Auferstehung der Hirsche war also zu feiern". Nun strahlt der Verleger, verklärt nicht nur von Erinnerung, sondern auch belustigt vom spontanen Bonmot. Die Begegnung mit Beuys führte zu einer lebenslangen Verbindung zwischen Künstler und Sammler. Denn die Summe von 700 Mark für drei Zeichnungen und ein Aquarell, die der junge Kunstsüchtige schließlich wählte, konnte er unmöglich von dem Geld löhnen, das er in den Ferien auf dem Bau verdiente. Beuys machte ihm das Angebot, zu zahlen, wann immer er wolle, "auch in 20 Jahren". Zurückgeben dürfe er die Blätter allerdings nie mehr.

Schulden verpflichten. Lothar Schirmer bestand den Beuys-Test. Aus der ersten Begegnung wurde Freundschaft, den abbezahlten Arbeiten folgten weitere, bald auch Hauptwerke. "Beuys gefiel mein Beharren auf den frühen gegenständlichen Zeichnungen", erklärt Schirmer die Wertschätzung des Künstlers. "Als er längst viel höhere Preise hätte erzielen können, hat er mir manches zum Freundschaftspreis anvertraut." Zum Beispiel 1969 die berühmte Badewanne aus Emaille. Zusammen mit der Schiefertafel und dem Hasen aus der Aktion Eurasia von 1963 sowie über 300 Arbeiten von rund vierzig weiteren Künstlern ist sie demnächst in der Kunsthalle Bremen zum erstenmal öffentlich zu sehen.

Dem Kosmos des Sammlers korrespondiert das Reich des Verlegers mit mehr als 500, in einem Vierteljahrhundert veröffentlichten Büchern. Der eine braucht den anderen, das steht außer Zweifel. "Sammlung und Verlag wurden sich gegenseitig zu einer Art Honigpumpe", scherzt Schirmer. Soll heißen, daß er zwar so viele Bücher über seine in der Sammlung gehegten Lieblingskünstler veröffentlicht als möglich, manche aber wie Gerhard Richter und Martin Honert bisher nur in der Sammlung auftauchen, andere wie Helmut Newton und Bettina Rheims nur im Verlagsprogramm. Grund dafür sind die Mittel, die dem Sammler zur Verfügung stehen. Schirmer kann sich Vintage Prints, Fotoabzüge vom Originalnegativ, eines Irving Penn kaum leisten, ein Filmstill von Cindy Sherman oder Fotoarbeiten von Bernd und Hilla Becher hingegen schon, weil er deren Arbeiten früh und günstig direkt bei den Künstlern erwirbt.

Seitdem scheint die Erfolgsgeschichte des Verlags wie mit dem Lineal gezogen. Vor allem die Reihe "Film/Fashion/Music" mit Ikonen der Popkultur von Marilyn Monroe bis Jim Morrison läuft prächtig. Ähnlich gefragt sind die handlichen Monographien "Magier der Mode"von Chanel bis Yamamoto.

Keine Angst angesichts der immer härteren Konkurrenz? Davor, von einem Riesen der Branche geschluckt zu werden? Als Antwort erzählt Lothar Schirmer die Szene aus dem Gangsterfilm Scarface, als der Boß das Geheimnis seiner steilen Karriere mit den Worten kommentiert: "Do it first, do it alone and keep on doing it." So hat er es also auch geschafft? Erster auf dem Markt, nach dem Ausscheiden von Mosel aus dem Tagesgeschäft seit 1986 alleiniger Verleger mit durchschnittlich einem Dutzend Mitarbeitern und bis heute unbeirrbar neugierig und expansionsfreudig? Immerhin gibt es seit einem halben Jahr in den Hofgartenarkaden den Schirmer/Mosel Showroom, in dem parallel zu den Buchneuerscheinungen Ausstellungen stattfinden. "Die Sammlung bietet mir auch einen materiellen Freiheitsgrad."

In der Tat ist ihre Qualität erstklassig. Im Mittelpunkt stehen Arbeiten auf Papier, Zeichnungen und Fotoarbeiten, wenige ausgewählte Gemälde und Objekte ergänzen sie. Fotografie "mit ihrer Qualität der Distanz" ist für Schirmer das derzeit spannendste Medium der Kunst.

Als Sammler ist er durch alle Stadien seiner Leidenschaft hindurchgegangen, darunter auch die pathologische Phase anhaltenden "Schüttelfrosts von rabiatem Dingfetischismus". Als Verleger träumt er immer wieder mal, das ganze Jahr sei Buchmesse in Frankfurt. Doch dann tritt Schirmer auf seinen luftigen Balkon, und zu seinen Füßen fließt die Isar.

"Von Beuys bis Cindy Sherman - Die Sammlung Lothar Schirmer", Kunsthalle Bremen 16. Mai bis 25. Juli