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Als 1990 Veza Canettis Roman Die gelbe Straße erschien, war das eine doppelte Sensation. Der Leser von Elias Canettis Die Fackel im Ohr kannte zwar seine Frau Veza, die eigentlich - einer alten sephardischen Familie enstammend - den Namen Venetiana Taubner-Calderon trug, einen Namen, der eine ganze, heute in märchenhafte Ferne entrückte Kulturwelt umspannt. Er kannte ihre rätselhafte Schönheit, ihr Lächeln, ihre Wärme, ihren Mut und Witz, wie Canetti sie hinreißend beschrieben hat, aber daß sie selber Schriftstellerin war, konnte er nicht wissen. Canetti hatte es sorgfältig verschwiegen, und er begann erst zu reden, als der findige Germanist Helmut Göbel das Pseudonym Veza Magd aufschlüsselte, unter dem sie in der Wiener Arbeiter-Zeitung ihre Kurzgeschichten veröffentlicht hatte. (Sie sind 1992 unter dem Titel Geduld bringt Rosen wiederveröffentlicht worden.)

Die andere Sensation war die unvergleichliche sprachliche und atmosphärische Dichte jenes Romans, der eigentlich ein Strauß von kunstvoll verflochtenen Geschichten aus einer einzigen Wiener Straße ist, aus dem unmittelbaren Erfahrungsraum der Dichterin: der Ferdinandstraße in der Leopoldstadt. Eine dieser Geschichten, Der Oger, ist von ihr auch dramatisiert und 1992 in Zürich uraufgeführt worden.

Die Emigration nach London im Jahre 1938 hat Veza Canettis schriftstellerische Laufbahn jäh unterbrochen. Für keines ihrer Bücher fand sie einen Verlag. Resigniert gab sie 1956, sieben Jahre vor ihrem Tod das Schreiben auf und vernichtete mehrere ihrer Manuskripte. Er habe auf den Namen der geliebten Gattin nicht den Schatten erfolgloser Autorschaft fallen lassen wollen, so begründete Elias Canetti sein langes Schweigen über ihr Schriftstellertum. Aber hätte er sich selber nicht in den Dienst ihres Werks stellen, mit seinem prominenten Namen für sie werben können? Doch "Magd" war wohl nur sie, stellte ihre eigene literarische Existenz ganz in den Dienst und Schatten ihres Mannes.

Wer Die gelbe Straße gelesen und geliebt hat, wartete natürlich mit größter Spannung auf das Erscheinen des anderen Romans der Autorin, der dem von ihr selbst angerichteten Autodafé entgangen ist und den nun der jüngst verstorbene unvergessene Hanser-Lektor Fritz Arnold, einer der engsten Vertrauten Elias Canettis, herausgegeben hat. Das Buch ist also in doppelter Hinsicht ein Vermächtnis. Die Sirenenklänge des ersten Romans hüllen den Leser auch bei der Lektüre des zweiten immer wieder ein, mag er auch kein so großer Wurf wie Die gelbe Straße sein. Die Schildkröten sind ein offenkundig autobiographisch getöntes Buch aus den ersten Londoner Exilmonaten 1939, das die Zeit unmittelbar vor der Flucht des Ehepaars Canetti aus Wien am 19. November 1938, also die Ereignisse nach dem "Anschluß" Österreichs und der "Kristallnacht" zum Inhalt hat.

Der jüdische Dichter Andreas Kain, der da in einer verwunschenen Villa draußen vor Wien mit seiner Frau Eva lebt, ist ein subtiles Selbstporträt, und ihre Villa gleicht genau dem Haus in der Himmelstraße zu Grinzing, in dem Veza und Elias Canetti seit 1935 wohnten. Doch lassen wir die zahlreichen autobiographischen Bezüge beiseite. Für diesen Roman gilt, was nach Elias Canetti schon für den ersten galt: Seiner Frau sei es stets um "wirkliche", selbsterlebte Dinge gegangen, und doch wirken ihre Figuren, "als wären sie erfunden". Dies "als wäre" ist das Reich der Poesie, dem auch Die Schildkröten zugehören.

Poesie - sie steht in diesem Roman inhaltlich wie sprachlich in einer schmerzlichen, ja herzzerreißenden Spannung zum Grauen der Zeit, deren mörderischer Umklammerung nur die beiden Hauptpersonen durch das erlösende britische Visum entrinnen können. Ein Happy ending, das doch keines ist, denn mit den beiden Emigranten zieht nach dem Tod von Kains Bruder in Buchenwald ein dunkler Schatten mit, der niemals von ihnen weichen wird: "Es gibt einen Kummer, der nie vergeht. Wer ihn hat, weiß nicht mehr aus noch ein." Über Veza Canettis Welt liegt ein Trauerschleier, der jedes Bild, jeden Augenblick einhüllt. Eine bittersüße Musik voller Schwermut und Verlorenheit, als wäre sie von Schubert oder Mahler, durchwirkt diese schönste Wiener Prosa, die sich denken läßt, aber sie umtönt auch Personen, die diese Schönheit nicht verdienen: jenen entsetzlichen SA-Offizier Pilz zumal, der Kain und seine Frau aus ihrer Villa verdrängt, sie und ihre Freunde mit falschen Versprechungen hinhält, um schließlich wie ein Raubvogel auf seine Beute niederzustoßen.

Eine Schwäche des Romans, vor allem in seinem Mittelteil, hängt mit diesem SA-Mann zusammen, der nichts als verkörperte Phrase ist. Aber die Darstellung der Phrase droht selbst zur Phrase zu werden, wenn sie sich ihrer mit realistischen Mitteln zu bemächtigen sucht. Nur die Mittel der Groteske und Satire können des Phrasenhaft-Bösen ohne künstlerischen Schaden Herr werden. Doch merkwürdigerweise scheute Veza Canetti in diesem Roman jene Mittel literarischer Negation, über die sie durchaus verfügte, wie ihre Gelbe Straße zeigt. Sie hätten für sie offenbar nicht zu dem Trauerton gestimmt, den dieser Roman aus der ersten Exilzeit anschlägt - einem Ton, der allen Haß vermeidet, jeder satirischen Zuspitzung, ja allen grellen Ausdrücken aus dem Wege geht. Die empörten Worte etwa der tschechischen Putzfrau über die Behandlung ihrer jüdischen Herrschaft durch die neuen Herren werden folgendermaßen wiedergegeben: "es sei eine Schand, wie ehrenwerte Leute hausen, indessen die ... (jetzt sagte sie ein Schimpfwort) sich in der reinen Luft breit machten".

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Die Welt stirbt mit denen, die sie verlassen

"... jetzt sagte sie ein Schimpfwort". Welches, verrät uns die Verfasserin nicht. Nicht einmal einen Grobianismus über die Nazihorden erlaubt sich die Verfasserin. Das Motiv ist gewiß ihr Stolz, ihre Vornehmheit, durch die sie sich von der blutrünstigen Vulgarität der wildgewordenen Kleinbürger abgrenzen möchte. Sich ja keine Blöße geben! Die überzeugte Sozialistin Veza Canetti, die Anwältin der Erniedrigten und Beleidigten kehrt gegenüber den ordinären Emporkömmlingen, die "alles Zarte" zerstören, zu dem sich eine alte Kulturstadt emporgeläutert hat, ganz dezidiert einen jüdisch-aristokratischen Ahnenstolz hervor, macht sich mit dem Gemeinen nicht stilistisch gemein.

Die Schildkröten sind nicht das Thema, aber das Leitmotiv des Romans. Kain hat sie einem Nazihändler abgekauft, der ihnen ein Hakenkreuz ins Gehäuse brennen will. Als das Orakeltier der Chinesen wird die Schildkröte eingeführt, als Sinnbild der Glückseligkeit bei den Japanern, aber sie verwandelt sich in dem Roman mehr und mehr in ein Symbol des Judentums, seiner mythischen Altertümlichkeit. Sie trägt ihre Heimat mit sich, ihr Haus ist zugleich ihr Tod, "nicht auszurotten, trotz des ewigen Raubes an ihr".

Veza Canetti ist in den Schildkröten wie in der Gelben Straße mehr Miniaturist als Romancier. Die Modernität des Buchs liegt in seinem Verzicht auf eine durchgängige auktoriale Erzählerfigur. Fast alles wird aus der Perspektive der Beteiligten, weithin in Dialogen ohne Erzählereinschub, dargeboten. Schon das verhindert eine satirische Tendenz. Was sich dem Leser einprägt, sind nicht große Zusammenhänge, sondern präzise vergegenwärtigte Details. Da ist die alte Jüdin, der man die Wohnung leer geräumt hat und die gewohnheitsmäßig immer noch den Staub von den nicht mehr vorhandenen Möbeln wischt. Da ist Kains Bruder Werner, der schrullige Geologe, dem Steine Heiligtümer sind und der den Blutund-Boden-Barbaren vor Augen führt, daß er von seiner Profession her allein wisse, was Boden, was heimatliche Erde ist, von der er nicht weichen will - und von der er doch gewaltsam entfernt wird. Sarkasmus seiner Peiniger: in Buchenwald lassen sie ihn in einem Steinbruch Steine schleppen, und von einem Stein wird er erschlagen.

Mit unsäglicher Wehmut schildert die Autorin die Verwandlung der Gesichter und des Gesichts der "fröhlichsten Stadt Zentraleuropas" in einen feindlichen Moloch, dessen Opfern die Heimat zur Fremde, die Fremde zum erlösenden Traum wird. Und doch, der Abschied von der Villa mit der mozartischen Welt ihres mythologisch inszenierten Parks, das Scheiden von der vertrauten Sprache ist ein Abschied vom Leben, und die verlassene Welt stirbt mit denen, die sie verlassen. "Am schwersten überfällt es den Dichter. Die Sprache ist seine Seele, die Figuren, die er gestaltet, sind sein Körper. Er kann nur Atem schöpfen, wo seine Sprache lebendig ist, und sein Leben erlischt, wo er nicht mehr versteht und nicht verstanden wird."

Über der Stadt der Lebensfreude schwebt, nein lastet ein fürchterlicher Todesengel, der "Meister aus Deutschland" - man wundert sich fast, daß Celans berühmte Chiffre nicht schon in diesem Roman vorkommt, der die Todesherrschaft der neuen Barbaren immer wieder thematisch umkreist. Schon vor Kriegsbeginn verrät er das Wissen, daß das Verschwinden eines ganzen Volks aus einer Stadt der Anfang eines Unausdenklichen und doch unausweichlich zu Denkenden ist: welches Endziel soll man denn von Menschen, deren einziges "Programm" das "Pogrom" ist, erwarten: "Die Tempel brennen, und bald werden wir brennen", sagt Werner Kain nach der "Kristallnacht".

Kain ist der Name der beiden Brüder, nicht Abel, so viel besser er zu ihnen passen würde, doch sie, die Friedfertigen, sind nun die Gezeichneten. Eva nennt ihren Mann merkwürdigerweise immer mit seinem Nachnamen, dem Namen des biblischen Brudermörders. Darin liegt eine tragische Ironie, denn sein Bruder fällt an seiner Stelle den Nazischergen zum Opfer. In dieser Welt ist alles verkehrt. Abel trägt das Kainszeichen, der Brudermörder wird ins Recht gesetzt. "Der Mörder predigt jetzt statt des Erlösers. Das Leid verwandelt er in Haß, den Glauben verwandelt er in Rachsucht ... Man sucht im Himmel. Aber im Äther fliegen brennende Maschinen und stürzen auf die brennende Erde." Die Christen arrangieren sich mit den Mächtigen, die sie einst peinigten, schauen tatenlos, wenn nicht mit Hohn auf das den Juden in und nach der "Kristallnacht" angetane Leid. Die Juden aber sind die Christen im Sinne des Märtyrertums ihrer Urgeschichte, ja Christus selbst. "Der Jude wird ans Kreuz genagelt" - und "Barrabas hat das Kommando".

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Doch wo bleibt der Messias? Die Parabel im "frommen Büchlein" des armen Juden Felberbaum, einer der ergreifendsten Gestalten des Romans, offenbart es: "Auf der Straße sitzt ein Bettler und wartet. Es ist der Messias. Ein Fremder ging vorüber und fragte ihn: Auf wen wartest du? Der Bettler antwortete: Auf dich." Auch die Geschichte des Heils hat sich verkehrt. Nicht der Mensch wartet auf den Messias, sondern der Messias wartet auf den Menschen: daß er Mensch werde.

Veza Canetti: Die Schildkröten

Roman; mit einem Nachwort von Fritz Arnold und einer Lebenschronik Veza Canettis; Hanser Verlag, München 1999; 291 S., 36,- DM