Die Liebe. Schönes Thema, immer wieder. Zeitlos und grenzübergreifend, macht nicht Halt vor Mensch noch Tier. In diesem Fall befällt sie Brezel, einen Dackel von ausladendem Querformat. Brezel ist lang, sehr, sehr lang und alle finden ihn schön. Nur Greta nicht. Und genau die hat Brezel auserwählt. Er schenkt ihr einen Knochen - Fehlanzeige. Er schenkt ihr seinen Ball - dito. Er verbiegt sich furchtbar brezelmäßig - nein, Greta mag keine Dackel, die anders sind.

Anders waren auch die geistigen und zeichnerischen Schöpfer von Brezel: Margret (1906 bis 1996) und H. A. Rey (1889 bis 1977). Jüdisch nämlich, was das in Hamburg geborene und aufgewachsene Paar bewog, sein Pariser Exil 1940 in Richtung Vereinigte Staaten zu verlassen. Binnen einer Woche findet der Autodidakt H. A. Rey - alias Hans August Reyersbach - einen Verlag für seine Bilder, und der Emigrant Rey wird mit seinen Curious-George-Büchern zum Bilderbuchklassiker in den USA. Dort erreichen die Abenteuer des neugierigen Affen George, der im deutschen Sprachraum als Coco bekannt ist, mittlerweile ihre vierzigste Auflage. Nicht minder beliebt sind die Gemeinschaftsproduktionen des Ehepaars, für die Margret Rey, die gelernte Fotografin und Werbetexterin, den Inhalt beisteuert. Die Geschichte vom zu langen Brezel (1944 erschienen!) stammt aus ihrer Feder.

Was aber tut ein verschmähter, zu lang geratener Dackel?

Er wartet. Und siehe da, Greta stürzt samt grünem Ball in eine Baugrube. Lang und braun wie eine Bockwurst hängt sich Brezel über den Abgrund und zieht die glückliche Greta in die Freiheit. Happy-End?

Na klar. Eine blaue Wolke hängt über einer grünen Wiese mit einer Dackelin und fünf Jungen. Mit diesem Bild beginnt das Buch, damit hört es auch auf. Dazwischen leuchtet viel sonnengelber Hintergrund, bevölkert mit klar umrissenem Personal, das sich in leuchtenden Farben abhebt. Gewiß, sehr schlicht. Aber wunderschön, wie die Liebe.

Margret Rey/ H. A. Rey: Brezel Diogenes Verlag, Zürich 1999; 36 S., 22,90 DM