Peter Handke, der Dichter des Friedens, ist ein unpolitischer Mensch. Er sagt nicht, die Welt sei ungerecht; er sagt lieber, sie sei häßlich. Er spricht nicht von der Gesellschaft, sondern vom Volk. Politik ist für ihn gerecht, wenn sie schön ist. So schön wie ein Gedicht oder ein Ahornblatt im Abendwind.

Bekanntlich kann Handke Journalisten nicht ausstehen. Mit ihrem "Alster- und Manhattanblick", sagt er, machen sie die Welt häßlich. Unter dem Bombardement ihrer Informationen verschwinden die Landschaft der Gesellschaft und die Einheit der Natur. "Seit die Nachrichten die Steine der Berge ersetzt haben, den Sand der Wüste, das Gras, das bei der Vorbeifahrt des Zuges zittert ..." Seitdem ist der "Richtungssinn" verloren. Und seitdem boykottiert der Poet des Friedens den Krieg der Medien.

Wer den Beschönigungsschweiger Handke beim Wort nahm, mußte erstarren über den Verrat des Dichters an seinem Werk. Hatte sein Werk, Satz für Satz, nicht etwas ganz anderes gewollt - den Frieden der Sprache? Daß sich die Welt nur ändert, wenn die Sprache ihre Gewalt verliert? Achtsamkeit und Kontemplation - das war Handkes Botschaft an die Welt, notiert im Einbaum, draußen in seiner französischen Niemandsbucht. Und dann Handkes Anbiederung an Milocevic, seine moralische Selbstentleibung. Freunde machten Anstalten, ihn zu verteidigen, doch von ihren Peinlichkeiten wird sich Handke so bald nicht mehr erholen. Claus Peymann prostete ihm in einem proserbischen Politpornoheft ein "venceremos" zu, als habe er seinen Verstand beim Bierbichler im Starnberger See versenkt. Siegen? Mit Milocevic?

Hat die westliche Zivilisation ihren inneren Krieg exportiert?

Vielleicht gibt es Hoffnung. Vielleicht stellt sich das Werk noch einmal schützend vor den Verrat des Autors. Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg heißt Handkes neues, bis zuletzt aktualisiertes Theaterstück, das in diesen Tagen im Suhrkamp Verlag erscheint (130 Seiten, 29,80 DM) und im Juni von Peymann im Wiener Burgtheater uraufgeführt wird. Das Stück handelt von einem unbekannten Autor, der ein Drehbuch über den Jugoslawienkrieg geschrieben hat. Aus dem Film wird nichts, und übrig bleibt ein Theaterstück, in dem ein Don Quijote, der Handke heißen könnte, einen wütenden Kampf führt gegen den weltweiten Westen, gegen Amerika und Europa, Deutschland und die Nato, Uno und IFor, gegen Menschenrechtsorganisationen und "Humanitätshyänen". Natürlich geht es gut aus. Nach einem langen Partisanenkampf siegt eine zarte Wahrheit. Es ist Handkes Wahrheit. Aber wer wird dann noch mit ihr zu Tische sitzen?

Acapulco heißt das Provinzhotel, in dem das Stück spielt. Obwohl es in einem "Schluchtkessel" des innersten Balkans liegt, hat der Westen ihm längst seinen Stempel aufgedrückt; im Foyer hängt eine "Plastikplane" mit den Kürzeln von "U.N., E.F.T.A., U.E.F.A.". Zehn Jahre nach dem "letzten Krieg" sind zwei Regisseure, ein Spanier und ein Amerikaner, eingefallen, um einen "internationalen" Film zu drehen. Die Handlanger des "europäisch-amerikanischen" Großbildkapitals wälzen ihre Vorurteile wie Kaugummi: Die Serben sind schuldig, sie stehen am "Pranger" des Weltgerichts. "Wir beide bestimmen die Geschichte. So haben unsere Produktionsgemeinschaften es sich zumindest vorgestellt." Jeder könne frei reden. Zu beachten seien nur "gewisse Richtlinien, gezogen durch das Weltkomitee für Ethik".

Auf der Bühne des Theaters beginnt das Vorspiel des Films, die Rollenparade der Schauspieler. Im kalten Licht der westlichen Kameras kommen internationale Beobachter und westliche Experten zu Wort, dazwischen tummeln sich Falschmünzer und Waldläufer, ferner ein Grieche und ein Irrer, der mutmaßlich die Wahrheit sagt, und ein vernünftiger Historiker, der tatsächlich irre wird. Im traurigen Luxus des Acapulco inszeniert Handke ein Spiel im Spiel, das Kino im Theater, mit Streit und Widerstreit, Rede und Gegenrede. Es wird gelogen, bis sich die Balken biegen, und die Wahrheit bleibt stumm wie ein Grab. Erst am Schluß zerreißt das Spinnennetz der aufrichtigen Lügen, das Gespinst der faktischen Fiktionen; plötzlich fallen die Masken, und das Defilee der Filmschauspieler verwandelt sich in ein Märchen von Peter Handke. Hinter dem Schleier der Worte bricht eine unerhörte Wahrheit hervor, bei der sogar die Medienmenschen den Schrecken des erzählten Krieges verspüren und zurückfinden in ihre Herkunft aus dem tiefen, tiefen "Wald". Die Kinocrew nimmt Platz im Einbaum und rudert durch die Landschaft, mit reinem Herzen, reinem Sinn und reiner Trauer. Der Krieg war die Stunde, in der sie nichts mehr voneinander wußten; Urlaute werden orphisch, und nach all der namenlosen Gewalt wird die Welt neu getauft. Es herrscht Frieden. Handkes Frieden.