Die Rasse zu ignorieren und ein Individuum wie ein Individuum zu betrachten ist der Anfang der Gerechtigkeit", hoffte 1966 der amerikanische Evolutionsbiologe Leigh van Valen. Das Ignorieren scheint knapp dreißig Jahre später nicht mehr erforderlich zu sein. Im Juni 1995 gaben Anthropologen, Humangenetiker und Biologen (unter ihnen Luca Cavalli-Sforza, der Gründer des 1991 ins Leben gerufenen umstrittenen Human Genome Diversity Project, das an einem genetischen Weltatlas arbeitet) während der Unesco-Konferenz "Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung" eine eindeutige Stellungnahme ab. "Das Konzept der ,Rasse', das aus der Vergangenheit (...) übernommen wurde, ist völlig obsolet geworden. (...) Rassismus ist der Glaube, menschliche Populationen unterschieden sich in genetisch bedingten Merkmalen von sozialem Wert, so daß bestimmte Gruppen gegenüber anderen höherwertig oder minderwertig sind. Es gibt keinen überzeugenden wissenschaftlichen Beleg, mit dem dieser Glaube gestützt werden könnte."

Doch ein Blick auf die Historie der Anthropologie und Humangenetik erzählt eine andere Geschichte und macht skeptisch: Solange Menschengruppen nach physischen Merkmalen unterschieden wurden, entwickelte sich daraus fast zwangsläufig eine Hierarchie - wir hier oben, ihr da unten.

Und nicht zuletzt erschien in München - vor genau 100 Jahren - Houston Stewart Chamberlains Buch Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, das der erste rassistische Bestseller werden sollte. Chamberlain, ein Schwiegersohn Richard Wagners, gehörte zu den einflußreichsten Herolden der Verherrlichung germanischen Rassenbewußtseins. Der 1855 in Portsmouth geborene Sohn eines britischen Admirals wurde gar aufgrund seiner Germanophilie 1917 deutscher Staatsbürger. Er verkündete, daß die "gesamte heutige Civilisation und Kultur das Werk einer bestimmten Menschenart ist: des Germanen". Der nichtgermanische Kulturanteil dagegen war für ihn entweder ein "noch nicht ausgeschiedener fremder Bestandteil", der "in früheren Zeiten gewaltsam eingetrieben" worden war "und jetzt noch wie ein Krankheitsstoff im Blute" kreiste, oder "fremde Ware", die "unter germanischer Flagge, unter germanischem Schutz und Vorrecht" segelte, "zum Nachteil unserer (...) Weiterentwicklung".

Konsequent arisierte er die historische Figur Jesu, konnte doch der christliche Heilsbringer in Chamberlains kruder antisemitischer Arierwelt nicht der minderwertigen Rasse der Juden entstammen. Dennoch gründete seine Pseudophilosophie von der Überlegenheit des arischen Menschen und der grundlegenden seelischen Verschiedenheit der Rassen vor allem auf psychologischen (geistigen) Faktoren - und nicht auf Schädelmessungen oder ähnlichen vergleichenden anthropologischen Untersuchungen des Körperbaus, der Haut- oder Augenfarbe. Der biologisch determinierte Begriff der Rasse war bei Chamberlain in Bayreuth unversehens zu einer quasimetaphysischen Wesenheit mutiert, die ihre naturwissenschaftliche Basis aufgegeben hatte.

Aber schon etwa hundert Jahre vor Chamberlain tobte im gelehrten Deutschland ein bemerkenswerter Streit um ebendiese Fragen. Sang doch ein angesehenes Mitglied der Gelehrtenrepublik in monomanischer Weise das Hohelied der germanischen Rassenreinheit. Und propagierte den Mythos der nordischen als der einzig schöpferischen Rasse durch eine wahre Flut von Schriften. Der Göttinger Professor Christoph Meiners tat 1785 programmatisch in seinem Grundriß der Geschichte der Menschheit kund, daß "das gegenwärtige Menschengeschlecht aus zween Hauptstämmen bestehe, dem (...) Kaukasischen, und dem Mongolischen Stamm: daß der letztere nicht nur viel schwächer von Cörper und Geist, sondern auch viel übel gearteter und tugendleerer (...) sey".

Von Göttingen aus - seine weiteste Reise hatte ihn immerhin bis in die Schweiz geführt - unterteilte er die Weltbevölkerung in den schönen, intelligenten und weißen Stamm der Kaukasier und den häßlichen, dummen und schwarzen oder braunen oder gelben oder roten Stamm der Mongolen. Einige Zeit später fügte er seiner Kartierung noch den morgenländischen Stamm hinzu, zwischen Mongolen und Kaukasiern. Und eröffnete so als einer der frühesten Vertreter eine auf erbbiologischen Begründungen fußende Rassenlehre, die psychologische und moralische Faktoren als erbliche Rassenmerkmale verstand.

Obwohl Christoph Meiners heute nur wenigen noch ein Begriff ist, bilden seine anthropologischen Phantastereien einen Meilenstein auf dem Weg hin zu Gobineau, Chamberlain und dem Vulgärrassismus eines Jörg Lanz von Liebenfels oder Julius Streicher. Seine Thesen wurden heftig diskutiert - prominentester Widerpart war der Weltumsegler, der Naturforscher und Schriftsteller Georg Forster, mit dem Meiners zunächst sogar ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt hatte.