Abends sitzt sie gern im Philosophischen Seminar, studiert ihre "Helden", so sagt sie, Simone de Beauvoir, Michel Foucault, und grübelt über Freiheit, Ethik, über den Sinn und die Kunst des Lebens. Morgens geht sie mit wippendem Pferdeschwanz durch die Altstadt von Amsterdam und sieht aus wie ein sportliches Schulmädchen. Wenn sie in der Kanzlei an der Nieuwe Herengracht den Regenmantel auszieht, erscheint eine junge Frau mit perfekter Figur, sehr schmal, sehr aufrecht. Und obwohl die dezent elegante Designerkleidung (Marke: agnès b.) bei der nächsten Verhandlung unter einer schwarzen Robe verschwinden wird, gilt Britta Böhler mit ihren strahlend blauen Augen und der selbstbewußt klingenden Stimme nicht nur in Amsterdam als ausgesprochen schöne Juristin.

Als fähig gilt sie ohnehin. "Eine tüchtige Tante", sagt ein Kollege mit wohltemperiertem Understatement über die Deutsche, die 1991 als Expertin für internationales Recht in die Niederlande kam und hier nicht mehr aufhörte, Karriere zu machen.

Da nimmt diese Ausländerin locker die Hürden von Sprache und Bürokratie, glänzt als Anwältin in einer renommierten Amsterdamer Kanzlei, studiert nebenher Philosophie und arbeitet im Vorstand von Greenpeace Niederlande mit. Und wenn sie nicht so ein dringendes Bedürfnis hätte, ihren Beruf auch als politische Arbeit zu begreifen, dann könnte sie ein angenehmes und ruhiges Leben führen: ohne Polizeischutz, ohne die irritierenden Fragen nach ihrer "Sympathie für einen Mörder", der ihr Mandant ist, und ohne die anonymen Drohbriefe - zeitweise seien es zehn, zwölf Stück am Tag gewesen, erzählt sie. Was bewegt eine erfolgreiche Strafverteidigerin dazu, sich seit Monaten nur noch auf einen Fall zu konzentrieren, der zudem so gefährlich wie aussichtslos zu sein scheint?

Es gehe nicht um die Person Abdullah Öcalan, entgegnet die Anwältin, sondern um sein Anliegen, das mittlerweile ganz offensichtlich auch das ihre ist: der "Kampf der Kurden". Man müsse "die großen Linien betrachten, den Kontext, in dem sich dieser Konflikt abspielt", um zu entscheiden, ob Öcalan "der Terrorist ist, als der er jetzt vor dem türkischen Staatssicherheitsgericht angeklagt wird, oder ein Freiheitskämpfer und womöglich bald ein Märtyrer der PKK" - schließlich handele es sich hier nicht "um die Strafverfolgung eines einzelnen". Öcalan, übrigens, sei "ein sehr ruhiger Mensch, ein Mann von fünfzig Jahren, im Anzug, sehr zivil, sehr höflich, sehr gastfreundlich".

Wir sitzen im Büro der Advokatenpraxis, die Anwältin trinkt Cola aus der Dose und raucht viel. Die großen Linien, wie sie sie sieht, sind verwirrend, aber das Muster ihrer Argumentation wird deutlich: "Schauen Sie nur zurück auf den Beginn dieses Jahrhunderts. Da wurde den Kurden im Vertrag von Sèvres im August 1920 Unabhängigkeit und Autonomie garantiert, und keine fünf Jahre später werden 53 Kurdenführer vor einem türkischen Gericht zum Tode verurteilt. Begründung des Obersten Richters: ,Ihr wolltet ein unabhängiges Kurdistan. Das war euer Ziel. Am Galgen werdet ihr für euer Verbrechen bezahlen.'" Die Anwältin kennt ihre Akten gut.

Häßliche Sätze finden sich auch in einem kurdischen Memorandum an die Vereinten Nationen aus dem November 1948, demzufolge ein gewisser Mahmoud Essad, türkischer Justizminister, im Jahre 1930 geäußert haben soll: "Wir leben im freiesten Land der Welt, genannt Türkei. Der Türke ist der einzige Herr und Meister dieses Landes. Jene, die nicht rein türkischer Herkunft sind, haben nur ein Recht in diesem Land: das Recht, Diener zu sein, das Recht, Sklaven zu sein ..." An dieser "türkischen Überzeugung", sagt Frau Böhler, habe sich im Laufe der letzten siebzig Jahre nicht viel geändert. Noch Fragen?

Sie hat zusammen mit den anderen internationalen Anwälten von Öcalan schon im Februar die erste Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht: Öcalans Entführung aus Kenia habe seine Rechte verletzt, daß er offensichtlich betäubt worden sei, setzt sie mit "Folter" gleich; da ihm zunächst der Kontakt zu seinen Anwälten verweigert wurde, fehle es an den Voraussetzungen für ein faires Verfahren in der Türkei. Die Straßburger Richter erlegten der Türkei auf, eine faire Verhandlung sicherzustellen und insbesondere Öcalans Anwälten freien und unbeschränkten Zugang zu ihrem Mandanten zu gewähren. Frau Böhler selbst war unmittelbar nach der Entführung und Verhaftung ihres Mandanten bei dem Versuch, in die Türkei zu reisen, direkt am Istanbuler Flughafen von Sicherheitsbeamten angehalten und nach einer Nacht in Polizeigewahrsam umgehend in die nächste Maschine gesetzt worden, zurück nach Amsterdam. Bis heute konnte sie ihren Mandanten nicht sehen.