Zum dritten Mal innerhalb von drei Jahren muß Indien wählen. Das ist organisatorisch äußerst schwierig und mit über 600 Millionen Mark Kosten auch extrem teuer. Aber nicht das bewegt die chaotische Nation, sondern die Frage: Werden eine Milliarde Inder von einer Frau ins 21. Jahrhundert geführt?

Sonia Gandhi, die 52jährige gebürtige Italienerin, die erst seit 15 Jahren indische Staatsbürgerin ist, geht allerdings nicht nur als Vorsitzende der Congress-Partei, sondern vor allem als "Tochter Indiens" in den Wahlkampf. Wie jede gute Inderin ist sie seit ihrer Heirat untrennbarer Bestandteil der Familie ihres Ehemanns geworden. 1968 hatte sie Rajiv Gandhi geheiratet - wobei sie zunächst, als sie "Liebe auf den ersten Blick" spürte, gar nicht wußte, daß er der Enkel des berühmten Nehru und Sohn der ebenso berühmten Indira Gandhi war. Die Rolle der indischen Ehefrau, und, fast noch wichtiger, die der bahu, der gehorsamen Schwiegertochter, hat sie mustergültig gespielt.

So gesehen dürfte die Mehrheit der fast 700 Millionen Wähler keine Schwierigkeiten mit der Ausländerin Sonia haben. Wer einmal in die verzückten Augen ländlicher Massen geblickt hat, wenn "Madam", gerade dem Helikopter entstiegen, unnahbar an ihnen vorbeigleitet, der begreift, daß diese Leute nicht die Qual der städtischen Elite umtreibt. Kann denn ein Land von der Größe und Geschichte Indiens niemanden sonst aufbieten als diese Frau, die kein erkennbares politisches Programm hat und deren Persönlichkeit nicht einmal ihre engen Freunde gut kennen? Diese Frage stellen sich zum Beispiel die Medien.

Für Abermillionen ist in dieser Zeit gewaltiger sozialer Umwälzungen noch völlig unklar, welchen Weg das riesige Land einschlagen wird. Vor diesem Hintergrund gilt die Dynastie als vermeintlicher Garant für Kontinuität, Zusammengehörigkeit und Zusammenhalt. Sonia Gandhi hat das begriffen, als sie die alten Filmaufnahmen ihrer Schwiegermutter studierte, um sie zu kopieren - jene Indira Gandhi, die 1984, von 36 Schüssen getroffen, in ihrem Schoß verblutete. Stets wiederholt Sonia einen Satz, der ihr ein Programm ersetzt: "Vergeßt nicht, welche Opfer meine Familie für das Land gebracht hat."

Für ihren politischen Gegner, die hindu-chauvinistische Indische Volkspartei (BJP), ist die Faszination, die in Indien von Blut, Mord, Tod und Tragödie ausgeht, ein großes Problem. Im Grunde war der voreilige Sturz der BJP-geführten Koalitionsregierung vor knapp zwei Wochen ein schwerer Fehler, zumal es der Koalitionspartnerin Sonia dann nicht gelang, für ihre 140 Abgeordneten im Parlament so viel Unterstützung zu finden, daß sie eine Congress-geführte Regierung hätte bilden können. Ob die politische Novizin Sonia dafür büßen muß, ist allerdings noch offen. Die BJP und ihr Paradepferd jedenfalls, der letzte Premierminister Atal Behari Vajpayee, drängen nun auf möglichst rasche Neuwahlen. Die Hindu-Rechte, die jetzt erst recht gegen Rome Raj zu Felde ziehen wird (wobei Raj die Bezeichnung für die Kolonialherrschaft der Engländer ist), setzt nämlich auf den Sympathie-Bonus. Sympathie-Bonus gegen Dynastie-Bonus: So geht Indien also in die Wahlen.

Sonia, die Witwe des 1991 ermordeten Rajiv Gandhi, die bis vor einem Jahr nichts anderes getan hat, als in der Abgeschiedenheit ihres berühmten Hauses Janpath Nummer zehn rätselhaft zu schweigen, will das "Familienunternehmen" Congress unter allen Umständen retten. Daß ihr das gelingt, ist nicht einmal ganz auszuschließen. Denn die zweite Frau Gandhi offenbart in diesen Tagen ein neues Talent: Hart, entschlossen und skrupellos. Ganz so wie die erste Frau Gandhi.