Ich habe das Schleudertrauma erlebt. Banal, wie es mir zugefügt wurde - im stehenden Auto vor einem Rotlicht durch den Aufprall eines Wagens von hinten -, und bizarr in seinen Auswirkungen auf das, was ich für die sichere Behausung meiner Person hielt: mein Körper-Ich.

Eben hatte ich im Rückspiegel einen Wagen ungebremst auf mich auffahren sehen, doch die Zeit bis zum Zusammenprall dauerte sehr lange. Monatelang haderte ich mit mir, weil ich das Unglück hatte kommen sehen, den Wagen aber nicht verließ, sondern gelähmt darauf gewartet hatte, attackiert zu werden. Darüber ärgerte ich mich, ungeachtet der Tatsache, daß eine Flucht aus dem Auto innerhalb von Sekundenbruchteilen unmöglich ist. Ein Therapeut erklärte mir später: Sie sind ausgestiegen, zwar nicht aus Ihrem Wagen, aber aus Ihrem Körper. Die archaische Fluchtreaktion des Säugetiers beherrschte im Unfallmoment mein Körper-Ich und ließ es tun, was Jahrmillionen allem Lebendigen als lebensrettend eingefleischt hatten: abhauen oder, falls nicht möglich, wenigstens fiktiv abhauen und sich totstellen.

Den jungen Mann, der in einem Moment der Unaufmerksamkeit die stehende Kolonne und mich im hintersten Wagen nicht bemerkt hatte, beschäftigte nach dem Aufprall vor allem die zerbeulte Motorhaube seines vom Kollegen ausgeliehenen Fahrzeugs. Es gab auch keinen Grund, sich anderweitig groß zu sorgen: Meinem Wagen war sichtbar nichts geschehen und ebensowenig anscheinend mir. Bloß der Kopf schmerzte. Nach einem Adressentausch fuhren wir unserer Wege. Meine Kraft reichte für den Heimweg. Dann fiel ich um. Ich hatte nur noch das Verlangen zu schlafen.

Während Wochen war Liegen mein Lebensinhalt. Alles andere war sehr mühsam. Der Kopf dröhnte. Er fühlte sich an, wie bis weit über die Schultern hinab in Beton gegossen. Bei aller Eisenschwere des Kopfes stieß im Körperinnern eine unheimliche Kraft nach oben, so daß in mir das Gefühl erzeugt wurde, meine Körpermasse würde verdichtet und schlage sich gewissermaßen von innen am eignen Schädeldach wund.

Von den Knien an gab es keine Verbindung mehr zum Boden. Gehen fühlte sich an wie Schweben. Ich mußte einen schwindelnden Körper quasi über das hohe Seil führen, wenn ein Weg mich vom Schlafzimmer in die Stube führte oder nach einigen Wochen erstmals wieder vors Haus. Der erste Rundgang im nahen Park erzeugte ein Siegesgefühl. Autonomie, oder vielmehr die Sehnsucht danach, trägt in einem verletzten Körper andere Namen als in der Welt der Bücher oder der freien Marktwirtschaft. Sitzen, Stehen, Gehen, Schlafen, Kraft haben, einen Moment lang an etwas teilhaben, was nicht mit Schmerz zu tun hat, das sind ihre Inhalte.

Der Schmerz kannte keine Pause, nur Variationen

Jedes Erwachen am Morgen ertastete sogleich den Schmerzgrad auf ein eventuelles Nachlassen, doch der Schmerz kannte keine Pause, nur Variationen. Obwohl der Unfall mich bei bester Gesundheit ereilt hatte, wurde das Gedächtnis an das normal schöne Körpergefühl beim zügigen Gehen oder Fahrradfahren sehr rasch blaß. Es war seltsam, solchen entschwindenden Erinnerungen nachzutrauern wie einer nahen, verstorbenen Person. Wie man den Hals hält, den Oberkörper dreht oder spontan den rechten vor den linken Fuß setzt, all dies verlangte plötzlich Überlegung, und zwar der intensiveren Art, da es Überlegungen sind, die nie bewußt gelernt wurden.