Der Bundestag will noch vor der Sommerpause die grundlegenden Entscheidungen über ein "Mahnmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlins Mitte treffen. Das ist gut so. Wir brauchen Klarheit in der Sache, und das bald. Bis dahin müssen wir laut nachdenken, auch kontrovers, denn der Streit der Argumente gehört vor die Entscheidung. Nach der Entscheidung gilt dann: "Der Worte sind genug gewechselt, nun laßt uns endlich Taten sehn."

Im Jahre 1995 hatte der frühere Bundesbauminister Oscar Schneider den Vorschlag unterbreitet, im Zentrum des Mahnmals solle das biblische Mordverbot stehen: "Du sollst nicht morden!" oder: "Morde nicht". Dieser Vorschlag hat mich sofort überzeugt. Seit ich von ihm erfahren habe, habe ich mich für ihn eingesetzt. Damit die Mahnung verstanden wird, muß sie natürlich deutlich in Deutsch zu lesen sein. Ich habe außerdem vorgeschlagen, das Mordverbot noch größer in Althebräisch hinzuschreiben, weil das die Ursprache des Gebots ist. Und ich habe drittens vorgeschlagen, es in allen Sprachen zu wiederholen, die Opfer gesprochen haben, um die europäische Dimension der Verfolgung anzuzeigen. "Morde nicht!" sagen uns, den nachgeborenen Deutschen, die Opfer in ihren Sprachen.

Mein Vorschlag hat ein erstaunlich breites Echo gefunden, aber - wie sollte es anders sein - auch Widerspruch erfahren. Auf die wichtigsten Einwände möchte ich antworten.

Erster Einwand: "Wir brauchen solch ein Mahnmal nicht, wir haben doch bereits die Neue Wache unter den Linden, wo der Opfer von ,Krieg und Gewaltherrschaft' gedacht wird."

Meine Antwort: umgekehrt wird ein Schuh draus. Wir brauchen ein solches Mahnmal, weil diese Widmung nicht genügt. Die Neue Wache ist den Kriegsopfern und den Verfolgungsopfern zugleich gewidmet. Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat ganz richtig darauf hingewiesen, daß sich unter den Kriegsopfern auch Verfolger finden. Der Blutrichter Freisler ist durch eine alliierte Fliegerbombe getötet worden. Wir dürfen die Verfolgungsverbrechen nicht hinter den Kriegsopfern verstecken.

Zweiter Einwand: "Warum in hebräischen Buchstaben? Das ist ja eine Verhöhnung der Opfer!"

Ich kann schwer nachvollziehen, daß man so mißverstehen kann. Die Opfer haben im Alltag gar nicht hebräisch gesprochen, sondern Deutsch, Ungarisch, Polnisch, Jiddisch und so weiter. Das Althebräische ist nämlich seit dem 3. Jahrhundert nach Christus keine Umgangssprache mehr, sondern die heilige Sprache der heiligen Schriften des Judentums, vergleichbar der Bedeutung, die das Latein bis zum 2. Vatikanischen Konzil für die katholische Kirche hatte.