Ein Raunen geht derzeit durch die Zirkel der Philosophen, zumindest bei jenen Denkern, die sich mit dem Problem des Bewußtseins befassen. Die emphatisch ausgerufene "Dekade der Hirnforschung" nähert sich allmählich ihrem Ende, und da liegt es nahe, eine erste Bilanz zu ziehen. Aus philosophischer Sicht fällt diese allerdings weit nüchterner aus, als man sich das wünschen würde.

Das jahrhundertealte Leib-Seele-Problem der Philosophen hat sich längst zur Frage gewandelt: Läßt sich Bewußtsein erklären? Im Kern geht es gar nicht mehr darum, ob und inwieweit Körper und Seele Substanzen monadischen Charakters sind, also etwas Unteilbares darstellen. Vielmehr geht es um das, was der amerikanische Philosoph David Chalmers das hard problem , das ungelöste und möglicherweise unlösbare "harte Problem", nennt: Wie erzeugen neurobiologische Prozesse im Gehirn genau bewußte Erlebnisse? Und das ist keine philosophische, sondern eine naturwissenschaftliche Frage.

Der amerikanische Philosoph und Bewußtseinsforscher John Searle gibt denn auch unumwunden zu, daß die Philosophie genau dann ende, wenn die anderen Wissenschaften erste Früchte eingebracht haben. Die möglicherweise richtigen Fragen gestellt zu haben, ohne sie beantworten zu können - das reicht Searle schon aus. Aber das ist nur die eine Strategie, dem Thema Bewußtsein beizukommen. Die andere besteht darin, die Selbstreferentialität des Faches auszubauen und verstärkt Nabelschau zu halten.

Daniel Dennett, der Direktor des Center for Cognitive Studies an der Tufts University, lieferte dafür ebenso ein Beispiel wie der britische Wissenschaftstheoretiker David Papineau oder der in New York lehrende Philosoph Ned Block: Zum x-ten Mal setzten sie sich mit dem reichhaltigen Material der Philosophiegeschichte auseinander - und traten auf der Stelle. Da werden etwa Descartes' Meditationen wieder und wieder widerlegt, mal eher metaphorisch, mal eher formalistisch; und allein diese immerwährende Auseinandersetzung mit dem gleichen begründet die eigene wissenschaftliche Daseinsberechtigung.

Das Bewußtsein entzieht sich philosophischen Fragen

Die Paraphrase der Argumentation ersetzt dabei vielfach den wissenschaftlichen Fortschritt. Das gilt zum Beispiel für den Umgang mit dem quälenden Problem der "Qualia": Damit bezeichnen die Philosophen die Subjektivität eines Erlebnisses, die individuelle, persönliche Erfahrung, wie sie etwa mit dem Hören einer Beethoven-Sonate, dem Schmerzempfinden oder der Wahrnehmung der Farbe Rot verknüpft ist. Auch in London war zu hören: Der subjektive Eindruck bleibt dem objektiv vorgehenden Forscher (also auch dem Philosophen) prinzipiell verborgen. Diese Erkenntnis ist durchaus grundlegend für alle Bewußtseinsforschung. Nur wurde sie schon vor 20 Jahren in unübertrefflich pointierter Weise von dem Philosophen Thomas Nagel formuliert, als dieser in einem berühmten Aufsatz die Frage stellte: "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?"

Die Konsequenz aus dem argumentativen Stillstand scheint ebenso simpel wie schmerzhaft: Nach über 2000 Jahren fruchtbaren Suchens und Fragens fällt den Philosophen offenbar zu ihrem liebsten Diskussionsthema nicht mehr viel ein. Bewußtsein ist nicht nur kein exklusives philosophisches Problem mehr: Es entzieht sich den Philosophen zunehmend und unwiederbringlich. Auf der Londoner Tagung war man von dieser Erkenntnis allerdings meilenweit entfernt. Statt Pessimismus gab es sogar Aufbruchstimmung, etwa als der populäre Philosoph David Chalmers sein Programm für eine consciousness science , eine Bewußtseinswissenschaft, vorstellte. Das freilich ist treffend und entlarvend zugleich: Denn mit Philosophie hat das nicht mehr allzuviel zu tun.