Es wirkt wie eine Paraphrase auf die Kantate No. 8 von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697): "Ich liege und schlafe ganz mit Frieden." Drei Musiker der Free Music Production (FMP) sieht man selig in Orpheus' Armen: Evan Parker (Saxophon), Alexander von Schlippenbach (Klavier) und Paul Lovens (Schlagzeug). Plötzlich ist das Trio spukhaft auf den Beinen und entfacht Klänge, die von Schlippenbach "Hardcore Free Jazz" nennt. "Wir können jederzeit ein Konzertpodium betreten, ohne auch nur ein Wort über das zu verlieren, was wir machen, und wir können sicher sein, daß wir eine brauchbare Performance abliefern. Es geht wie von selbst." Was hat dieser Spuk zu bedeuten?

Der sagenhafte Höllen-Sound ist von dieser Welt. Man kennt sich seit Jahren und hat ein bestimmtes Musizierideal verinnerlicht: Spiele! Dein Gehirn hat Tacet! Es gibt keine Noten, keine Tempobezeichnungen, keine Tonarten. Nichts. Musik wie ein berstendes Wasserrohr. Und doch entweichen die Fluten durch einen Filter von Erfahrungen, Erinnerungen und Empfindungen, die die Musiker ihrer Vita verdanken. Bei von Schlippenbach waren es die Pianisten Jelly Roll Morton, Fats Waller, Duke Ellington, Thelonious Monk, Cecil Taylor. Letzterer auch ein Mann aus dem Personal von FMP. Unheimlich und furchtbar wie Schiwa, der Gott, so mag er den Untrainierten erscheinen, wenn Taylor, laut eigene Poesie rezitierend, I'm so stoned/Deserts/Time/Touching/Past, am Bösendorfer Imperial Platz nimmt. Und sofort beginnt die anderthalbstündige Schöpfung eines sound poem , die schließlich alle Seelen im Raum vibrieren läßt. Auch jene, deren Abwehr Taylors Musik zunächst wie ein Virus mobilisiert. Von abendländischer Anschlagskultur im Sinn seines Antipoden Keith Jarrett kaum eine Spur. Statt dessen: Afrika. Die Filzhämmer des gewaltigen Flügels verwandeln sich unter den Fingern, Handflächen, Ellenbogen und Unterarmen in die Trommeln der Dogon vom Nigerbogen und auch in die von Baby Dodds, Schlagzeuglegende aus New Orleans. Sein durchaus meditativer Anfang in Ashmumniem treibt bald zu auf eine rabiate Verdichtung des Materials. Der Klang wird gleichsam zum Metall auf einem Amboß, und Cecil Taylor formt es Schlag auf Schlag. Seine Faust wird zum Hammer, der auf die Tasten saust. Die Beherrschung von Glissandi und Cluster hat der eher zartgliedrige Amerikaner zu einer höchst subtilen und vitalen "Prügeltechnik" entwickelt.

Dagegen ist Karlheinz Stockhausens Auffassung von Werktreue und Aufführungspraxis von kindlichem Trotz: "Selbst wenn ich nicht mehr lebe, ist es die Aufgabe der Stockhausen-Stiftung für Musik, nicht nur blind Material zu liefern und Aufführungen zu unterstützen, gleichgültig unter welchen Voraussetzungen, sondern sich zu vergewissern, daß das bisher Erlernte respektiert wird und daß man die Interpreten für Aufführungen oder für die Ausbildung von Nachwuchsinterpreten engagiert, die vielmals die betreffenden Werke mit mir einstudiert haben. Ich glaube fest an die Tradition, daß neue Interpreten von denjenigen lernen sollen, die eine große Erfahrung haben und die Aufführungspraxis des Komponisten kennen."

Die Musiziermethode der Free Music Production ist erfrischend offen und am Klopfen des Blutes orientiert. Der Mensch ist dem Tier näher, als du glaubst. Das scheint eines der zehn FMP-Gebote zu sein. Alles ist Werktreue. Jeder Atemzug, jeder Tropfen Blut, Schweiß, Sperma. Erst wenn du tot bist, ist Generalpause, herrscht göttliche Stille. Die Partiturschränke der Gema haben wenig FMP zu verwalten. Deren Improvisationsriesen sagen: "Wir brauchen kein Notenpapier. Wir sind die Musik. Wir nehmen sie mit unseren Knochen unter die Erde." Da sind sie den Pygmäen und anderen Naturvölkern näher, als ihnen lieb ist. Und wenn Helmuth Rilling Johann Sebastian Bach als das "gute Gewissen" unserer Musikgeschichte bezeichnet hat, dann sind die Musiker der 1969 von dem Berliner Bassisten Jost Gebers gegründeten Free Music Production mit ihrem Repertoire von rund 300 Einspielungen und ihren mutigen Konzerten in der Berliner Akademie der Künste das "schlechte Gewissen" der westlichen Zivilisation. Es zeigt dem gefesselten und entstellten Menschen des Spätkapitalismus, was Freiheit sein könnte. Das ist eine phantastische Projektionsfläche. Gebet eines beleidigten Bürgers: "Herr, laß mich angesichts der politischen Vorgänge in Bonn so speien, wie FMPeter Brötzmann Saxophon spielt." Und das ist den Braunen wie ein Dorn im Auge.

12. November 1981. NDR-Funkhaus Hamburg. Großer Sendesaal. Im 164. Jazzworkshop ist auf der Bühne eine Phalanx erstklassiger FMP-Musiker: aus Japan Toshinori Kondo (Trompete), aus den USA Frank Wright (Saxophon), aus Deutschland Peter Brötzmann (Saxophon), Hannes Bauer (Posaune) und Alex von Schlippenbach (Klavier), aus Holland Willem Breuker (Saxophon), aus England Alan Tomlinson (Posaune) und aus Südafrika Harry Miller (Baß) und Louis Moholo (Schlagzeug). Das Konzert wird auf NDR 3 direkt übertragen. Plötzlich, gegen Ende des furiosen Konzerts, meldet sich beim Sender ein Hörer. Der ungeheuer nervös wirkende Mann schmäht die Musik und kündigt an, er werde eine Bombe im Konzert zur Explosion bringen. Das Konzert wird sofort abgebrochen, der Saal geräumt. Wir lernten damals, daß man auch mit Musik Bombenalarm auslösen kann. Mitten im Frieden. Jedenfalls in Deutschland.

Die Free Music Production , die die Musik des20. Jahrhunderts mitgeprägt hat, wird immer der spitze Stein im Schuh der Spießer bleiben. Man sagt, Pferde seien sensibel und robust. FMP ist Musik für Pferdeohren.