Der Mensch erscheint im Holozän. 290 Millionen Jahre zu spät für eine ungemütliche Begegnung. Hätte ihn bereits Ende Karbon, Anfang Perm die Wanderlust gepackt, wäre er damals durch das Gebiet spaziert, das heute Thüringen heißt - er hätte sich nur anfänglich an der Natur erfreuen können: Imposante Riesenschachtelhalme ragen in der offenen Flußlandschaft empor. Baumgroße Samenfarne teilen den im Dunst sich verlierenden Horizont. Handgroße Urkakerlaken und Skorpione krabbeln die Stämme entlang. Im feuchten Boden haben die ersten Reptilien des anbrechenden neuen Erdzeitalters ihre Spuren hinterlassen. Und im Fluß tummeln sich Strahlenflosserfische und Süßwasserhaie.

Der Wanderer - er schwitzt in der feuchten heißen Luft - achtet darauf, den Fuß nicht auf Pfeilschwanz- oder Kiemenfußkrebse zu setzen, und tritt er ins knöcheltiefe Wasser, erfreut er sich am Anblick auseinanderstiebender Kaulquappen des Lurchs Branchiosaurus. Noch pfeift kein Vogel ein Lied. Kein Flugsaurier segelt durch den Luftraum. Dieser ist beherrscht von geflügelten Insekten, von Palaeodictyopteren oder der Urlibelle Meganeura.

Die Erfahrung, als Happen eines Riesentausendfüßers zu enden, ist uns erspart geblieben. Das über zwei Meter lange, einen halben Meter breite Getier hat das Feld frühzeitig geräumt und bloß versteinert die Jahrmillionen bis in unsere Gegenwart überdauert. Und so erzählen uns Fossilien und die Phantasie des kombinationsbegabten Paläontologieprofessors Jörg Schneider von der TU Bergakademie Freiberg in Sachsen, wie fürchterlich alt wir in diesem fiktiven Duell, zumindest als Unbewaffnete, ausgesehen hätten.

Früher hätten spekulierende Geologen den Riesentausendfüßer noch fliehen lassen. Keiner mutete dem Viech eine Größe zu, die ihn dem Menschen gefährlich gemacht hätte. Doch der Fund mit der Nummer NHMS-WP 863 aus der Manebach-Formation im Thüringer Wald hat die alten Berechnungen über den Haufen geworfen - und auch den Zeitrahmen gesprengt. Denn nach bisheriger Auffassung war Arthropleura als höchstens ein bis 1,8 Meter großes Geschöpf am Ende des Karbons ausgestorben. Die mit dem Thüringer Extremitätenfragment vor 296 Millionen Jahren mitversteinerten Pflanzenreste aber zeigen: Wie der Quastenflosser, der heute als bizarrer Vertreter der Urzeit in einzelnen Biotopen weitervegetiert, hat sich damals der Riesentausendfüßer an wenigen Orten ein paar Millionen Jahre länger durch die Erdgeschichte gemogelt.

Stimmen die Berechnungen, handelt es sich beim Thüringer Exemplar um den bislang größten an Land lebenden Gliederfüßer. Anfänglich glaubte selbst der Professor an einen Rechenfehler. Von einem älteren Fund im Saargebiet kannte Schneider die Anzahl Körpersegmente (30 bis 32). Die Größe der einzelnen Segmente lieferten ihm ein im Plauenschen Grund bei Freital nahe Dresden gefundenes Bauchstück und das vierteilige Beinfragment aus Thüringen. Schneider kam auf zweieinhalb Meter, rechnete nach, verglich die Daten mit Fährtenspuren aus Kanada, die Proportionen mit heute lebenden, kleineren Spezies und ist nun überzeugt, mit der vorsichtigen Schätzung von 2 bis 2,30 Meter eher unter- als übertrieben zu haben: "Das Tier war 2,50 Meter lang", ist Schneider überzeugt.

Mit seiner Untersuchung konnte der Paläontologe auch einen langjährigen Streit beenden: Auf ein Segment kam nur ein Beinpaar. Für zwei Beinpaare an jedem Segment wäre unter dem Panzer nicht genügend Platz geblieben: "Arthropleura wäre über seine eigenen Beine gestolpert", sagt Schneider und lacht bei der Vorstellung, was für ein Durcheinander dabei entstanden wäre.

Auch den Lebensraum skizzierte er dabei neu. Ging man bislang davon aus, daß es sich bei Arthropleura um einen Urwaldbewohner handelte, lichtete sich in Schneiders Szenario die Landschaft: Der Wald wich einer offenen Flußebene mit lockerer Vegetation, in deren Nachbarschaft sich dicht bewachsene Kohlemoore befanden, in die sich der Kriecher, wie Fährtenfunde zeigen, ab und an verirrte.