Hugo Stinnes - wenn dieser Name fällt, denkt man gleich an die Hyperinflation des Jahres 1923, als der Wert der deutschen Währung ins Bodenlose fiel. Viele wurden damals ärmer, einige aber auch sehr viel reicher, unter ihnen vor allem Stinnes. Der Ruhrindustrielle galt geradezu als Inflationsgewinnler par excellence. Er kaufte zusammen, was nur zu kaufen war: Betriebe der Schwerindustrie, Landgüter, Schiffe, Hotels wie das Esplanade in Berlin, Zellulosefabriken und Zeitungen, so die Deutsche Allgemeine Zeitung, vor 1918 halboffizielles Organ der deutschen Reichsleitung.

Den britischen Botschafter in Berlin, Viscount D'Abernon, erinnerte der "König der Inflation" an den amerikanischen Eisenbahnmagnaten Edward Harriman: "Beide hatten so etwas Schmuddeliges, Ungepflegtes, wie ein Rauhhaarterrier, der gerade in einem Haufen Unrat gestöbert hat und auf der Suche nach dem nächsten ist." Als Stinnes im April 1924 im Alter von nur 54 Jahren starb, war er bereits zu einem negativen Mythos geworden. In den Augen vieler Zeitgenossen verkörperte er den Prototyp des unersättlichen Kapitalisten, der sich rücksichtslos über die Belange der Allgemeinheit hinwegsetzt.

Gerald D. Feldman hat sich nun darangemacht, dieses - wie er meint - Zerrbild zurechtzurücken. Der in Berkeley lehrende amerikanische Historiker gilt zu Recht als einer der besten Kenner der deutschen Wirtschaftsgeschichte des Ersten Weltkriegs und der frühen Weimarer Republik. Sein großes Werk über die deutsche Inflation von 1914 bis 1924, zuerst veröffentlicht 1993, ist leider immer noch nicht ins Deutsche übersetzt. Seine Stinnes-Biographie erscheint hingegen, dank der Initiative des C. H. Beck Verlages, gleich auf deutsch. Sie ist, wie die Inflations-Studie, mit über 1000 engbedruckten Seiten überaus umfangreich geraten. Feldman konnte nicht nur den Nachlaß des Industriellen im Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung auswerten, sondern hatte auch unbeschränkten Zugang zu privaten Unterlagen der Familie, darunter das Tagebuch von Hugo Stinnes' Frau Cläre. Gestützt auf einen breiten Fundus bislang unerschlossener Quellen, zeichnet Feldman den erstaunlichen Aufstieg des Unternehmersohnes aus Mülheim an der Ruhr nach. Bereits 1893, mit zweiundzwanzig Jahren, gründete Hugo Stinnes seine eigene Firma, die Kohlenaufbereitungsanstalt in Straßburg, die er Schritt für Schritt zum wichtigsten Kohlenhandelsunternehmen in Deutschland ausbaute. Noch bedeutungsvoller war seine Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender in mehreren großen Konzernen, darunter vor allem in dem 1898 gegründeten Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk. Stinnes' Unternehmensstrategie zielte auf vertikale Konzentration, das heißt auf die enge Verzahnung des Kohlebergbaus mit der Eisen- und Stahlbranche, den Trägern der Energieversorgung und den Verkehrsbetrieben.

Als einen "Rheinländer mit einem amerikanischen Temperament" charakterisierte ihn ein Publizist um die Jahrhundertwende, und vielleicht erklärt dies auch etwas von der Faszination dieser Unternehmerkarriere, von der auch sein Biograph nicht unberührt bleibt. Für Feldman sind gerade die Jahrzehnte vor 1914 die "bedeutendste und kreativste Periode" im Leben des Großindustriellen. Er wird nicht müde, dessen rastlose Aktivität und nie erlahmende Risikobereitschaft zu preisen - und vergißt darüber ganz das Nachdenken, was denn der "organisierte Kapitalismus", als dessen Pionier sich Stinnes so eifrig betätigte, für die Beschäftigten bedeutete.

Feldmans Biographie folgt ganz der Logik der Unternehmerperspektive, und zwar selbst dort, wo sie gebrochen werden müßte, etwa bei der Darstellung der großen Bergarbeiterstreiks von 1905 und 1912. Vom Zwang zur Kartellbildung, zur Rationalisierung und Kostensenkung in einer zunehmend globalisierten Wirtschaft ist viel, von der sozialen Verantwortung der Unternehmer hingegen gar nicht mehr die Rede. Insofern präsentiert sich diese Biographie durchaus in zeitgemäßem Gewand.

Wie selbstverständlich ging Stinnes davon aus, daß die Politik sich den ökonomischen Interessen unterzuordnen hätte. Vor 1914 hatte er für den politischen Betrieb allerdings noch kein großes Interesse gezeigt. Das änderte sich im Ersten Weltkrieg. Stinnes stand an der Spitze der schwerindustriellen Kriegszielbewegung, die sich gegen einen sogenannten "faulen Frieden" und für weitreichende Annexionen aussprach. Nachdrücklich setzte er sich auch dafür ein, Tausende von belgischen Arbeitern zwangsweise in die deutsche Rüstungsindustrie zu verbringen - eine Vorstufe der nationalsozialistischen "Fremdarbeiter"-Politik -, und noch im Sommer 1918, als der Krieg längst verloren war, glaubte er im Vertrauen auf Ludendorffs Feldherrngenie an einen deutschen "Endsieg". Feldman spart hier nicht mit deutlichen Worten der Kritik. Er spricht von "Verbohrtheit" und "Realitätsblindheit", die in scharfem Kontrast standen zur Rationalität, auf die sich Wirtschaftsführer so viel zugute halten.

Mit der Novemberrevolution von 1918 kam das böse Erwachen. In dieser für die Großunternehmer äußerst prekären Situation bewies Stinnes taktische Flexibilität. Auf seine Initiative kam ein Pakt mit den Gewerkschaftsführern, das sogenannte Stinnes-Legien-Abkommen, zustande, in dem eine "Zentralarbeitsgemeinschaft" vereinbart wurde. Doch es ging den Industriellen keineswegs um eine wirkliche Kooperation mit den Gewerkschaften, sondern darum, die Zeit des revolutionären Umbruchs vom Kaiserreich zur Weimarer Republik einigermaßen glimpflich zu überstehen. Denn gerade im Ruhrgebiet war die Bewegung für eine Sozialisierung der Schlüsselindustrien im Frühjahr 1919 außerordentlich stark. Ob sie, wäre sie von Erfolg gekrönt gewesen, der Entwicklung der Weimarer Demokratie eine andere, bessere Wende hätte geben können, ist eine offene Frage. Feldman äußert sich, was dies betrifft, skeptisch.

Unmißverständlich macht der Autor indessen deutlich, daß Stinnes zu keinem Zeitpunkt bereit war, die Niederlage von 1918 zu akzeptieren und die Bedingungen des Versailler Vertrages zu erfüllen. Politiker wie Matthias Erzberger oder Walther Rathenau, die sich bemühten, den alliierten Reparationsforderungen nachzukommen, wurden von ihm des "internationalen Pazifismus" bezichtigt. Ganz gezielt hintertrieb Stinnes alle Versuche, den Kurs der deutschen Währung zu stabilisieren. Denn in dem schrankenlosen Bedienen der Notenpresse sah er ein vorzügliches Mittel der Regierung, sich den finanziellen Verpflichtungen Deutschlands zu entziehen. Dabei nahm er bewußt das Risiko einer Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen in Kauf, wie sie dann im Januar 1923 Wirklichkeit wurde. Daß ihm die rücksichtslose Politik der Inflationierung zugleich die Chance bot, innerhalb kürzester Zeit ein Riesenimperium von Firmen und Beteiligungen zusammenzuraffen, war keineswegs nur ein willkommener Nebeneffekt. Feldman spricht von einem "meisterhaften Spiel auf der Klaviatur der Inflation" und läßt dabei ganz außer acht, wieviel Elend und Verzweiflung die Entwertung aller Spareinlagen für Millionen von Deutschen mit sich brachte.

Am Ende seines Buches erlaubt sich der Autor die Spekulation, ob Stinnes, hätte er länger gelebt, womöglich mitgeholfen hätte, die "Machtergreifung" Hitlers zu verhindern. Feldman ist sich da nicht sicher, doch die Frage kann mit Fug und Recht verneint werden. Stinnes hatte aus seiner Abneigung gegen die Weimarer Demokratie und seiner Verachtung ihrer führenden Politiker nie einen Hehl gemacht. Bereits im Herbst 1923 hatte er seine Hoffnung auf eine Diktatur von rechts gesetzt, und in der völkischen Bewegung glaubte er noch kurz vor seinem Tode einen "beachtlichen Kern" entdecken zu können. Galten damals seine Sympathien auch weniger dem Hasardeur Hitler als dem einst bewunderten Weltkriegsgeneral Ludendorff, so spricht doch vieles dafür, daß Stinnes sich 1933 mit einem Reichskanzler Hitler ebenso schnell arrangiert hätte wie die meisten anderen Repräsentanten der Schwerindustrie.

Gerald D. Feldman: Hugo Stinnes

Biographie eines Industriellen 1870-1924; C. H. Beck Verlag, München 1998; 1062 S., 148,- DM