Vor sechs Jahren bekam Walter Riester ein ziemlich verlockendes Angebot. Ferdinand Piëch, eben zum Volkswagen-Chef ernannt, wollte ihn als Arbeitsdirektor in seinen Vorstand holen. Gereizt hätte Riester der Posten durchaus, doch es ging nicht. Im Mai 1993 stolperte der damalige IG-Metall-Chef Franz Steinkühler über seine fragwürdigen Aktiengeschäfte, da konnte Riester, seinerzeit Leiter des wichtigen Bezirks Stuttgart, schlecht in die Chefetage des größten deutschen Autobauers wechseln. So viel Klassenverrat auf einmal wäre der Basis nicht zuzumuten gewesen.

Seit dem 27. Oktober 1998 ist Riester nun Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, und seither hat er die alte Anekdote mehr als einmal erzählt. Das liegt vor allem an einer Schmeichelei, mit der der VW-Boß den Gewerkschafter damals umwarb. Riester, so Piëch, erinnere ihn an einen Weidenbaum: Der würde sich, wenn der Wind kräftig bläst, schon mal zum Boden neigen - am Ende stünde er aber immer wieder aufrecht.

Elastisch, aber im Kern fest; beharrlich, aber nicht starr: So sieht sich Walter Riester wohl auch selbst, und darum zitiert er gerade in diesen Monaten so gern Piëchs Metapher. Denn nun pustet ihn der Wind kräftiger an denn je - nur ob der Arbeitsminister dem Sturm noch lange standhält, darüber wird in Bonn derzeit mit Vorliebe spekuliert. Riester könnte, nach Oskar Lafontaines effektvoller Demission, ziemlich schnell zum zweiten Abgang aus Gerhard Schröders glücklosem Kabinett werden.

Ausgerechnet Riester. Er war der erste, den Schröder im Wahlkampf, vor einem ziemlich langen Jahr, als Mitglied jener "Kernmannschaft" benannte, mit der der Kandidat das Land auf Vordermann zu bringen versprach. Damals war Riester der Star. Einen "Vorzeigemodernisierer" und "phantasievollen Denker" nannte ihn die Süddeutsche Zeitung - nun ist er der "Bremser" (Bild) und Pate einer sinistren "Sozialmafia" (Spiegel), gelähmt durch "Ideen- und Bewegungslosigkeit" (so die SZ heute). Daß er in einem Jahr zum Obertraditionalisten konvertiert sein soll, überrascht wohl niemanden so sehr wie Riester selbst.

Zu verdanken hat er seinen neuen Ruf dem heftigen Streit um 630-Mark-Jobs und Scheinselbständigkeit, der die Öffentlichkeit derzeit so beschäftigt wie daneben nur der Krieg auf dem Balkan. Die Beharrlichkeit, mit der Riester an den beiden ungeliebten Gesetzen festhält, empfinden viele seiner Parteifreunde als lästige Sturheit, und die könnte ihn sein Amt kosten. Nicht, daß der Kanzler unverhohlen mit Rauswurf oder der Arbeitsminister offen mit Rücktritt droht - es geht ja auch eleganter.

Eine schnelle Korrektur der Gesetze sei mit ihm nicht zu machen, ließ Riester wissen - wenn, dann also nur ohne ihn. Daß seither verschiedene Sozialdemokraten, allen voran Kanzleramtsminister Bodo Hombach und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement, in steter Folge und mit wechselnden Formulierungen Änderungen dieser Gesetze fordern oder gar ankündigen, läßt nur drei mögliche Erklärungen zu, die alle dem Minister zu denken geben müssen: Erstens, die Spitzensozis nehmen Riesters Warnung nicht ernst. Oder aber sie wollen, zweitens, seinen Rücktritt entweder provozieren oder nehmen ihn, drittens, zumindest billigend in Kauf, wenn nur endlich wieder Ruhe um diese leidigen Themen ist.

Denn unter den Sozialdemokraten muß die Ankündigung von Union und FDP für Angst und Schrecken sorgen, die umstrittenen Gesetze zum dominierenden Thema des anstehenden Europawahlkampfs zu machen. Wie erfolgreich die CDU so etwas kann, hat sie mit ihrer Kampagne gegen das neue Staatsbürgerrecht vor der Hessenwahl bewiesen. Da wird es der Koalition wenig nützen, daß die Union nach jahrelanger Ratlosigkeit in der Endphase ihrer Regierungszeit sowohl bei der Scheinselbständigkeit wie bei den Minijobs an Gesetzentwürfen bastelte, die in dieselbe Richtung zielten wie Riesters Paragraphen. Dergleichen ist schnell vergessen, und im Zweifel wird den Schröder-Leuten die Gemütslage der Nation wichtiger sein als die Prinzipientreue des Arbeitsministers.