Als Rana Raslan ein Teenager war, merkte sie zum ersten Mal, daß Schönheit ein richtig großes Problem sein kann. Ihr Bruder mußte ins Gefängnis, weil er einen Mann, der sich an seine Schwester heranmachen wollte, mit dem Messer attackiert hatte. Rana Raslan, Israelin arabischer Herkunft, ist jetzt 22, und wieder hat sie eine Menge Probleme, weil sie besser aussieht als andere. Diesmal bringt sie eine halbe Nation in Aufruhr.

Es begann damit, daß sie sich um den Titel einer Miß Israel bewarb. Ihre Mutter riet ihr, sich keine Hoffnungen zu machen. "Dies ist ein jüdischer Staat. Sie werden niemals eine Araberin zur Miß Israel machen." Aber Mama, entgegnete Rana, "ich will schließlich nicht Ministerpräsidentin werden, sondern Schönheitskönigin". Am Ende irrten beide. Rana gewann den Wettbewerb, muß nun aber feststellen, daß eine Schönheitskönigin durchaus ein Politikum sein kann.

Sauer sind zum Beispiel die jüdischen Nationalisten. Eine Schönheitskönigin, sagen die, repräsentiere die Nation, aber eine Frau arabischer Herkunft könne Israel nicht repräsentieren, denn Israel sei ein jüdischer Staat. Rana Raslan war noch ganz im Rausch ihres Sieges, als sie im Radio hörte, wie immer wieder Nationalisten in Hörersendungen ihrer Wut Luft machten. Sie war schockiert, aber den Ernst der Lage erfaßte sie erst, als sich Sicherheitsbeamte bei ihr meldeten. Nun ist die Wohnung ihrer Mutter in Haifa mit einem wuchtigen Eisengitter und einer Kamera gesichert. "Nach der Ermordung von Jitzhak Rabin wollten die Sicherheitsleute nicht das kleinste Risiko eingehen", sagt Rana Raslan.

Zum Gespräch erscheint sie dezent geschminkt. Bisher hat sie ihr Geld mit Putzen und als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei verdient. Mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern lebt sie im Arbeiterviertel Wadi Nisnas im fünften Stock eines Hochhauses. Vor den Fenstern liegt blau der Golf von Haifa. In diesem Viertel leben Araber und Juden vor allem nordafrikanischer Abstammung harmonisch miteinander. So konnte Rana Raslan ein wenig mit der Illusion aufwachsen, in Israel gebe es keine Diskriminierung. "Hier in Haifa", sagt sie, "haben sich die Leute doch begeistert über meinen Sieg gefreut." Tatsächlich wird Rana, als sie zum Strand joggt, von gläubigen Juden mit Kippa und arabischen Nachbarn gleichermaßen freundlich begrüßt.

Doch spürt sie insgesamt deutlicher als je zuvor, daß viele Israelis große Unterschiede machen. Rana war kürzlich mit einer israelischen Hilfsorganisation in Mazedonien, um dort in Flüchtlingslagern Schokolade zu verteilen und den Menschen Mut zuzusprechen. Verwundert nahm sie zur Kenntnis, daß sie als Angehörige der arabischen Minderheit viel strengere Sicherheitskontrollen durchlaufen mußte als Mitreisende jüdischen Glaubens. Das kränkt sie.

Um das Leben für eine Araberin in Israel zu beschreiben, benutzt sie eine Metapher aus ihrem neuen Leben: "Es ist wie auf einem schmalen Laufsteg. Wer nicht acht gibt, fällt aufs Gesicht. Die Israelis haben Probleme mit uns, weil wir keine Juden sind, und die Palästinenser mögen uns nicht, weil wir Israelis sind." Das sei nicht fair, sagt sie leise, aber dann bricht Trotz durch: "Ich bin stolz darauf, so zu sein, wie ich bin." Außerdem: "Was will man von mir? Ich bin hier geboren und deshalb israelischer als viele andere." Eine Anspielung auf die vielen Einwanderer, die in den vergangenen Jahren aus Rußland gekommen sind.

Sauer sind nun auch Araber in aller Welt. Rana Raslan wird unterstellt, sie lasse sich vom israelischen Staat benutzen, als Symbol für einen Frieden, den es nicht gebe. So druckte die arabische Wochenzeitung Al Wattan al-Arabi eine Karikatur mit einem israelischen Soldaten, der eine "Miß Israel"-Schleife um die Brust trägt. Darunter stand: "Rana Raslan wird erklären, was für ein zivilisierter und humaner Staat Israel ist." So wurde eine Frau, die eigentlich nur schön sein wollte, plötzlich zum Objekt eines jahrzehntealten und haßerfüllt ausgetragenen Konflikts.