Das letzte ... was ich gewöhnlich denke ist, daß mein Vater und meine Mutter nur zwei Kinder und gerade zwei gehabt haben, die ... dann auf einmal in allem in größerer Verschiedenheit und Gegensätze ausgehen als Menschen in verschiedenen Weltkörpern sein könnten." Wilhelm von Humboldt, dem die Betroffenheit ein wenig auf die Syntax geschlagen war, zeichnete, nach einem Wiedersehen mit dem jüngeren Bruder Alexander, in einem Brief an seine Frau Caroline ein antipodisches Doppelporträt. Die Familie aber wußte doch zu leben mit den beiden Brüdern, von denen Berlin, das Land und die Welt der Wissenschaft unendlich und antipodisch profitiert haben. Vor der Universität unter den Linden, die seit dem Jahr 1946 den Namen Humboldt trägt, steht ihr dreidimensionales Doppelporträt rechts und links vom Mitteleingang. Da sitzen sie, Marmordenkmäler, errichtet 1883. Links Wilhelm, der Philologe, Diplomat und Mitbegründer der Universität, mit einem Buch im Schoß. Rechts Alexander, der Forschungsreisende und Naturwissenschaftler aus dem Geiste des Universalisten, mit einer exotischen Pflanze und einem Globus. Gabriele von Bülow, Wilhelms Tochter, die am Sterbebett des Onkels saß, erlebte am 28. Mai 1883 die Enthüllung der Denkmäler. "Sie brachte", so schreibt ihr gerührter Biograph, "einen Lorbeerkranz an das Denkmal ihres großen Vaters und ging dann, geführt vom Kronprinzen, zu dem des Onkels unter brausenden Hochrufen der Volksmenge."

Es gab wohl Zeiten in Berlin, als man stolz war auf seine Universität. Und es könnte vielleicht wieder so sein. Eine kleine Gruppe von Humboldt-Lehrern, angestiftet von dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp und dem Mathematiker Jochen Brüning, könnte die Melancholie über die herrschenden Verhältnisse mit einem Projekt konterkarieren, das unter dem Motto "Blick zurück nach vorn" die Geschichte der Universität mit ihren ideellen und realen Hinterlassenschaften für die Zukunft nutzen will. Bei einem Symposium mit dem Titel Bild Schrift Zahl stellten sie am vergangenen Wochenende ihr Projekt vor, das in einer Eisbergspitze namens Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik gipfelt.

"Hier ist die Bildung und die Blüte der Wissenschaften eines der wesentlichsten Momente selbst im Staatsleben", sagte Hegel 1818 in seiner Antrittsvorlesung. Der Himmel über Berlin. Fichte, Schleiermacher, Savigny, Schelling, Hufeland, die Brüder Grimm, Dilthey, Du Bois-Reymond, Helmholtz, Virchow, Stumpf, Hornbostel, Haeckel, Mommsen, Willamowitz-Moellendorff, Ranke, Harnack, Koch, Sauerbruch gehören, mal kurz und quer durch die Reihen, Rabatten und Disziplinen, zur Geschichte der Universität, die teilweise auch in einer 1833 begonnenen Porträtgalerie dokumentiert ist. Rund 150 Professoren sind in Marmor oder Bronze, Gips oder Öl in effigie erhalten, an die 2000 liegen in den Mappen der Bibliothek. Aber nicht nur die Gelehrten haben einen Namen. Von Christian Daniel Rauch stammt die Marmorbüste von Schleiermacher, im Winckelmann-Institut für Altertumswissenschaften steht der Kopf des Seminardirektors Noack, gestaltet von Arno Breker, Conrad Felixmüller malte 1965 das Porträt von Kurt Neumann-Kleinpaul, dem Erfinder der Nasenschlundsonde für das Pferd.

Die Porträtkollektion ist nur eine der zahlreichen Sammlungen und Institutionen, die zur Universität gehören und die ein Reich für sich sind, ein Kosmos der wissenschaftlichen Kostbarkeiten und Kuriositäten, Nützlichkeiten und Nebensachen. Stichwort Pferd: da ist Condé, das Lieblingspferd Friedrichs des Großen, dessen beträchtliche Skelettreste zu den Anatomischen Sammlungen gehören. Und da ist das tieranatomische Theater, zunächst natürlich vor allem für die staatserhaltenden Schlachtrösser gebaut und genutzt. Es ist das erste seiner Art und das älteste Berliner Universitätsgebäude. Langhans, der Erbauer des Brandenburger Tors, hat den zweistöckigen Bau mit Kuppel im Stil Palladios über einem quadratischen Grundriß errichtet, 1789. Von Rode, der ihm auch beim Brandenburger Tor assistiert hatte, stammen acht Fresken mit allegorischen Tierszenen. Ein wenig fremd und kostbar zugleich steht dieser kleine Tempel der Veterinärmedizin auf dem Gelände der Charité, der großen Anlage des Universitätskrankenhauses, dessen Geschichte mit einem Pesthaus und Garnisonlazarett anfing und das 1727 von König Friedrich Wilhelm I. den Namen Barmherzigkeit erhielt. Innen ist der Bau erfolgreich restauriert, außen bröckelt das Mauerwerk, wachsen die Risse, ist das architekturhistorische Kleinod im Frühstadium der Ruine. Unter dem Hörsaalrund mit den ansteigenden Sitzreihen hinter zierlich gedrechselten Geländern liegt der Keller, in dem früher die Tiere angeliefert wurden. Heute ist hier das Institut für Lebensmittelhygiene untergebracht, und die Direktorin erklärt die historischen Schlachtgeräte, die in den Vitrinen liegen: das Bolzenschußgerät, die Schlachtmaske, die Betäubungszange. Das tieranatomische Theater aber bedarf dringend eines staatlichen oder mäzenatischen Aktes bauerhaltender Barmherzigkeit, damit es überleben und humanwissenschaftlichen Zwecken dienen kann. Zum Beispiel denen von Bredekamp und Brüning, die nicht nur im virtuellen Raum agieren können und wollen. Langhans' tieranatomisches Theater ist ein Programm ohne Worte und ein wunderschöner Ort für kleine Veranstaltungen. "Kultur ist mit Kontinuität verknüpft", sagte der Wiener Informatiker Heinz Zemanek im Festvortrag des Symposiums.

Horst Bredekamp, der in seinen Untersuchungen über die Kunst- und Wunderkammern den heute so oft beschworenen Grenzüberschreitungen zwischen Kunst und Wissenschaft eine altneue Perspektive eröffnet hat, und Jochen Brüning, der an der Universität Augsburg ein Institut für Europäische Kulturgeschichte aufgebaut hat, haben eine Arbeit begonnen, die zu einer zweiten Gründungsgeschichte der Universität werden könnte: Sie wollen die enzyklopädischen Sammlungen digital inventarisieren, in ihren repräsentativen Stücken als "Museum in der Universität" sichtbar und damit in jenem umfassenden Sinn nutzbar machen, den schon Leibniz im Kopf hatte, als er vom "Theatrum Naturae et Artis" sprach. Am Anfang war die Zahl, sagt Brüning. Am Ende ist das Bild, sagt Bredekamp.

Die Sammlungen haben Antworten, die auf Fragen warten

Auf der Basis der Berliner Sammlungen, die nicht der Augenweide, der Sensationslust oder der Demonstration des Besitzstandes dienten, sondern für die Lehre angelegt wurden und in zunehmendem Maß dann Resultate der Forschung waren, wollen sie Raum schaffen für eine universitäre Wissenschaft, deren Arbeit sich in "natürlicher Interdisziplinarität" entfaltet. Mit Alexander von Humboldt, Virchow oder Helmholtz hatte diese Art der Forschung und Lehre in Berlin einmal ihre Gründerzeit. Die "Initiative Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik", die zu dem von der Expo 2000 geförderten Symposium eingeladen hatte, hat natürlich vor allem das eine Ziel: eines sehr nahen Tages eben jenes Zentrum zu gründen, an dem neben Bredekamp und Brüning der Informatiker Wolfgang Coy, die Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler und Thomas Macho und der Literaturhistoriker Horst Wenzel mitarbeiten.

Das Museum in der Universität - das sind rund 30 Millionen Präparate, Modelle, Bilder, Autographen, Skizzen, Plastiken, Bücher, Instrumente, Flugblätter, Schallplatten, Mineralien und Fossilien. Gezeigt, aufbewahrt und manchmal auch untergegangen in über hundert Sammlungen, die vom Naturkundemuseum im großen Bau des späten 19. Jahrhunderts bis hin zum Lautarchiv reichen, das, 1902 von Carl Stumpf, dem "Einstein der Musikforschung" begonnen, mit seinen 7000 Platten in zwei Zimmern eines Altbaus ein ständiges Notquartier hat. Richtig munter und erfolgreich geht es nur im Pathologisch-Anatomischen Museum zu, wo sich die Glashäfen mit den eingeweckten Schmerzensteilen und Kuriosa auf neuen Borden reihen und die Fotos von Rudolf Virchow im Kreise seiner Lieben, Skelette im Hintergrund und Totenschädel im Vordergrund, an der Wand hängen. Virchow hatte eine Sammlung für die Forschung und eine Schausammlung eingerichtet. Zu seinen Sonntagsvorlesungen strömten die Besucher aller Arten und Fakultäten.

Vieles wurde im Krieg zerstört, manches danach, und einiges hat nur überlebt durch die Fürsorge von Institutsleitern und ihren Mitarbeitern, die hier auch ein Stück eigener Biographie und Identität verteidigt haben. Der Herr im weißen Kittel, der durch die anatomische Sammlung der Charité führt, weiß alles über ihre Geschichte, von der er selber ein paar Jahrzehnte miterlebt hat, er kann auch noch den großen Lindenholzschädel auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, der zu Demonstrationszwecken diente, und die Methoden der Isolierung und Präparierung von Muskeln, Adern und Organen beim Gang durch die Reihen der Glasschränke und Vitrinen erklären. Das vielbewunderte Skelett eines "Langen Kerls" aus dem Leibregiment Friedrich Wilhelms I. bekam hier vor einigen Wochen Konkurrenz durch die Entdeckung der Totenmaske von Immanuel Kant.

Die Universität als "Theatrum Naturae et Artis", als ein Ort des Lehrens und Lernens, das vom Konzept der Kunstkammer bestimmt ist, in der die Welt bis zum 18. Jahrhundert noch vom komplizierten Automaten bis zur Zauberwurzel und vom Gesteinsbrocken bis zum elaborierten Nautiluspokal vereint war: das ist das Bredekamp-Brüning-Projekt, mit dem Wissenschaftsgeschichte als eine zukünftige Möglichkeit der Forschung und Lehre entdeckt und genutzt wird. Im großen Speicher der Datenbank wird diese Kunstkammer gesichert versinken und auf Zuruf wieder auftauchen, nicht nur in Berlin. Als Museum hätte sie nicht nur eine identitätsstiftende Kraft für die Universität, sondern auch eine wichtige Aufgabe in einer Metropole, die kein Wissenschaftsmuseum hat. Und für das zukünftige Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik ist sie das Latifundium, auf dem die Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht stehen werden.

"Das Helmholtz-Zentrum ist unvermeidlich", sagt Jochen Brüning, und schöner wurde die Vernunft nie zwangsverpflichtet. Warum? "Die vielen Antworten, die unsere Sammlungen enthalten, warten auf die richtigen Fragen." Die besondere und wahrhaft interaktive Qualität dieser Antworten ist, daß sie zwischen Anekdote und Geschichte, Wissenschaft und Kuriosität ein Netz schaffen, das zunächst keine Unterschiede kennt. Die Rangordnungen, aber auch die Querverbindungen und die Nebenwirkungen, die heilsamen, entstehen erst durch den neugierigen Blick, die Fragen des Besuchers/Benutzers. Was dem einen Condé, ist dem anderen Helmholtz' Augenspiegel und dem nächsten das Mineral, dem Martin Heinrich Klaproth den Namen Uran gab, und wieder einem anderen ein Band der Bibliothek der Brüder Grimm oder eine Alkoholikerleber bei Virchow. Und wenn der Mediziner und der Historiker sich vor dem Skelett des armen "Langen Kerls" treffen, werden sie möglicherweise jenseits ihrer Disziplin etwas über die Wechselwirkungen von Personen, Techniken und Ideologien oder auch zwischen kulturellen und technischen Entwicklungen erfahren.

Die erste Entdeckung, die das Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnikanbietet, ist Hermann von Helmholtz, der Physiologe, Mediziner, Physiker, Musikwissenschaftler und Wissenschaftsphilosoph, dessen populärste wissenschaftliche Leistung eben jener Augenspiegel ist und der seinerseits die große Aufgabe der Universität die "Beziehungen aller Forscher und aller Zweige des Wissens zueinander und zu ihrem gemeinsamen Ziel in lebendigem Zusammenwirken" nannte. Um eine Rezension zu Helmholtz' Vorträgen über Goethe gebeten, schrieb Albert Einstein 1917: "Lieber Leser! Resümiert wäre profaniert. Selber lesen!" Gut, daß das Denkmal von Helmholtz schon im Vorhof der Universität steht, in der Mitte zwischen den Brüdern Humboldt.